Verbandsgemeindebürgermeister René Schernikau: „Fakt ist, wir müssen über Verkehr reden“

Lastwagenverkehr stört Arneburger Anwohner 

Ein leerer Holzlaster fährt in eine Kreuzung in Arneburg ein.
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Immer wieder fühlen sich Anwohner in Arneburg von Lkw-Lärm gestört. Viele Möglichkeiten, daran etwas zu ändern, gibt es nicht mehr.
  • Stefan Hartmann
    VonStefan Hartmann
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Seit mittlerweile rund 20 Jahren gibt es in Arneburg Streit wegen des Lkw-Lärms an der Stendaler Straße. Neue Lösungen gibt es nicht, aber alte Ideen könnten doch noch früher oder später Früchte tragen. 

Arneburg – Am Rand der Stadt Arneburg in Richtung Storkau liegen einige beschauliche Häuser und Gärten. Theoretisch zumindest. Seit 20 Jahren müssen die Anwohner der Stendaler Straße mit dem Lkw-Verkehr, der ins IGPA führt, leben. „Ich verstehe teilweise meine Frau nicht, wenn sie mir auf der Terrasse gegenüber sitzt“, erklärt einer der Anwohner (Name der Redaktion bekannt).

„Alle Anwohner sind genervt“, erklärt er. Nicht nur wegen des vielen Verkehrs, sondern auch weil sich scheinbar nichts tue, um die Situation zu verbessern. Gespräche habe es schon viele gegeben, auch Lösungsvorschläge. Von einem Blitzer bis zur Stich- oder Umgehungsstraße, um den Verkehr um die Stadt herumzuleiten, war gesprochen worden. Realität davon ist noch nichts geworden. Immer wieder würden Gespräche zur Situation angeboten, aber „davon hatten wir genug. Es sollen nun auch mal Taten folgen“, findet der Anwohner.

Ein weiterer der Anwohner (Name der Redaktion bekannt) in der Auseinandersetzung wendet sich immer wieder mit E-Mails an Verbandsgemeinde, Landkreis und auch das Zellstoffwerk wendet. „Wir möchten auch einmal schlafen hier“, heißt es in einer. Erst in der vorherigen Nacht seien wieder mehrere Holzlaster mit „durchgetretenem Gaspedal“ durch die 30er-Zone geflogen. „Ich habe Zuhause zuletzt vor 17 Jahren mit offenem Fenster geschlafen“, beschreibt er die Zustände. Seine geschäftlichen Kontakte aus Berlin fassten sich teilweise an den Kopf, wenn er von den Zuständen berichtet. Dem Zellstoffwerk selbst, das immer wieder stellvertretend für die vielen Anlieger im IGPA genannt wird, mache er indes keine Vorwürfe. Es sei jedoch ein „Komplettversagen der Politik“, dass sich so lange nichts getan hätte. Es seien viele Vorschläge, auch an die Kreisverwaltung, gemacht worden, wie die Situation verbessert werden könnte. Von Straßensperrungen zu Einschränkungen für den Lärmschutz. Auch eine Klage zur Besserung der Situation sei vom Landesverwaltungsamt „abgebügelt“ worden.

Der Landkreis Stendal sieht in der aktuellen Lage jedoch keine Handhabe, wie der stellvertretende Landrat Sebastian Stoll auf AZ-Anfrage erklärt. „Straßen sind zum Fahren da“, stellt er fest. Eine quasi willkürliche Festlegung, dass beispielsweise die Durchfahrt für Lkw, die über die Tangermünder Brücke kommen, nicht mehr nach rechts in Richtung Arneburg abbiegen dürfen, könne nicht einfach vorgenommen werden. „Da ist eine Begründung nötig. Und Ruhe reicht da nicht“, erklärt Stoll. Möglich sei es, gegebenenfalls die Tonnage zu begrenzen, – aber nicht auf Dauer. Dann müsse die Straße so hergestellt werden, dass sie das Gewicht trägt. Es wäre also auch eher eine Lösung auf Zeit.

Die mögliche Aufstellung eines Blitzers sei durchgerechnet worden. Allerdings finanziell nicht zu rechtfertigen. Dafür fehlten die Vergehen, damit sich die Aufstellung rentiert. Hinzu komme ein häufig bei Blitzern zu beobachtendes Problem. Dieser würde auch nicht verhindern, dass dahinter wieder Gas gegeben wird und der Lärm sich nur verschiebt. Noch schlechter stünden die Chancen für eine Stichstraße. Die wäre noch teurer und ziehe viele weitere Probleme mit sich. Neben des dafür notwendigen Landerwerbs gehe es auch um Gleichbehandlung. „Das ist nicht der einzige Ort im Landkreis mit Verkehrslärm“, erläutert der Erste Beigeordnete. Mit diesem einen Präzedenzfall müssten viele Stich- und Umgehungsstraßen gebaut werden. Sollte es einmal eine Förderung für derartige Projekte geben, könnte das etwas werden. Allerdings wäre der entsprechende Fördertopf auch stark umkämpft, schätzt Stoll.

„Wir nehmen die Situation immer Ernst“, erklärt Verbandsgemeindebürgermeister René Schernikau während eines gemeinsamen Treffens mit Bürgermeister Lothar Riedinger und Mercer-Geschäftsführer André Listemann. Es sei wichtig und richtig, dass an dieser Stelle Handlungsbedarf bestehe. Deshalb wolle er, trotz der finanziell unglücklichen Ausgangslage, weitere Versuche zur Installation eines Blitzers anstreben. Andere Optionen seien jedoch unwahrscheinlicher oder sogar unmöglich. Analog zur Straße, die zum Stadtkern führt, die Durchfahrt für Lkw zu verbieten, sei so nicht möglich, erklärt Riedinger. Damit würde sich für die Laster eine Sackgasse bilden, in der Wenden fast unmöglich ist. In Richtung Stadtinneres habe die Regelung auch nur getroffen werden können, weil das Pflaster unter Denkmalschutz stehe.

„Fakt ist, wir müssen in Arneburg-Goldbeck über Verkehr reden“, sagt Schernikau. Das IGPA sei noch nicht voll und weitere Verkehrsströme damit nicht auszuschließen. Dass die gemeinsamen Bemühungen zwischen allen Beteiligten auch zum Erfolg führen könnten, zeige sich an dem Einbau von Flüsterbremsen in den Zügen, wie Listemann erklärt. Die dortigen Lärmprobleme hätten so überwiegend gelöst werden können. Schernikau widerspricht – nicht teilweise „Sie haben sie gelöst.“ Im Idealfall stelle die Lösung eine Win-win-Situation dar. Schließlich sei man froh darüber, dass es das Gewerbegebiet gibt. Auch wenn es zu Verkehrsströmen führe. Schließlich würden dort keine digitalen Güter, sondern Dinge zum Anfassen produziert, die auch transportiert werden müssen.

Riedinger setzt noch Hoffnungen in eine mögliche Stichstraße, um den Verkehr an der Stadt vorbeizuführen. Es gebe noch Chancen dafür, erklärt er. Die Idee sei als infrastrukturelle Maßnahme an das Wirtschaftsministerium weitergeleitet worden. Die Straße könnte zu einer Landesstraße aufgewertet werden. Hoffnung auf eine schnelle Lösung biete das jedoch auch nicht. Bis sich auf diesem Weg etwas tue, werde es voraussichtlich noch mehrere Jahre oder sogar ein Jahrzehnt dauern.

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