Alter Hafen zeugt von einstiger „Sozialismus-Großbaustelle“ / Ausflugstipp

Kkw-Relikt in Arneburg zieht wie magisch an

Ein verlassener Ort mitten in prachtvoller Elbidylle: Poller aus Gussstahl und Spundwände werden nicht mehr gebraucht. Das Areal verdankt seine Existenz dem nie fertiggebauten Kernkraftwerk.
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Ein verlassener Ort mitten in prachtvoller Elbidylle: Poller aus Gussstahl und Spundwände werden nicht mehr gebraucht. Das Areal verdankt seine Existenz dem nie fertiggebauten Kernkraftwerk.

Arneburg – Diese Abgeschiedenheitsidylle lockt ortskundige Natur- und Freizeitfans regelmäßig an das Arneburger Binnenschifffahrtsrelikt aus Zeiten des Realsozialismus.

Maritim gelöscht oder angelegt wird dort aber bekanntlich längst nicht mehr, dennoch verfügt der einstige Hafen des nie zu Ende gebauten Kernkraftwerks (Kkw) über so etwas wie eine magische Wirkung – auch für Autodiebe.

Wer das Areal, welches geografisch zu Hohenberg-Krusemarks Ortsteil Altenzaun gehört, an lauen Abenden aufsucht, trifft auf dem weitläufigen Gelände oft auf eine relativ große Besucherschar, die den morbid-maritimen Charme mitten in praller Elblandschaft zu schätzen weiß. Auf die Anwesenheit unternehmungslustiger Menschen deutet immer wieder leider auch eine Vielzahl unerfreulicher Hinterlassenschaften hin, wie an der Kaimauer achtlos weggeworfener Müll oder auch die Überreste von Lagerfeuern, die die Betonplattenfläche verunstalten.

In unmittelbarer Nähe zum neuen Stromhafen des Industrieparks zeugt die alte Kaimauer von DDR-Historie.

Dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft an Elbkilometer 408,69 mittlerweile schon wieder seit mehr als 15 Jahren der neue Stromhafen des Industrie- und Gewerbeparks Altmark mit einer 243 Meter langen Kaimauer befindet, ist in der verlassenen Zone nicht spürbar. Allein die zwei mächtigen Poller an den Enden der Spundwand scheinen nach wie vor bereit, dass sich ein Schiffstau um die braunen Gussstahlpilze knotet.

Das Areal verdankt seine Existenz der einstigen „Großbaustelle des Sozialismus“, weil für die seinerzeit größte Baustelle der DDR damit ein direkter Zugang zur Elbe mit eigenem Hafen geschaffen wurde. Mitte 1972 war für das gigantische Vorhaben der rund 120 Einwohner zählende Ort Niedergörne dem Erdboden gleich gemacht worden. Die Anwohner wurden nach Arneburg, Altenzaun und Osterburg umgesiedelt.

Mithilfe des Flusswassers sollte eine direkte Kühlwasserentnahme für den Reaktorbetrieb ermöglicht und durch die Nähe zur Kreisstadt Stendal konnten Bau- und Montagearbeiter untergebracht werden. Dazu hatte es Mitte der 1970er-Jahre ein sogenanntes „Territorial abgestimmtes Objektprogramm“ für den Bau von 14 000 Wohnungen gegeben – wodurch in Stendal die Großwohngebiete Stadtsee und Süd entstanden sind. Aber auch in der damaligen Kreisstadt Osterburg wurden Versorgungseinrichtungen geschaffen und eine Bahnstrecke von Stendal nach Niedergörne gebaut sowie die Landesstraße  16 wurde zur schwerlastfähigen Trasse ertüchtigt. Auch eine neue Poliklinik (heute: Roland-Ärztehaus) Schulen, Ausbildungseinrichtungen und ein Kulturzentrum (heute: Altmark-Forum) sowie Gaststätten und Einkaufsmöglichkeiten entstanden. 9500 Bauarbeiter verbauten rund 500 Millionen DDR-Mark pro Jahr, die Baustelle wurde im August 1974 offiziell eröffnet.

Aber auch ein Blick in die jüngeren Ereignisse des Kkw-Hafens ist aufschlussreich. So fand ein Spaziergänger am 13. Januar dieses Jahres auf dem Gelände ein ausgebranntes Auto, bei dem es sich laut Polizei um einen Audi A6 Avant handelte. Noch spektakulärer war dort im Januar 2014 ein Großeinsatz für Feuerwehr und Polizei. Mittels Spezialkran wurden aus dem Hafenbecken drei Autowracks geborgen, die Fischer Gernot Quaschny dort entdeckt hatte. Der Aktion vorausgegangen war, dass sich drei junge Männer bei der Polizei Osterburg meldeten und zugaben, die drei gestohlenen Autos im Elbwasser des Arneburger Alten Hafens versenkt zu haben.

VON ANTJE MAHRHOLD

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