Die Aktie am süßen Stoff verloren

Goldbecks Ortschronist mit Zuckerfabrik auch durch die Familie verbunden

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Der Kalkschachtofen, fast 30 Meter hoch und wichtig für die Zuckertechnologie, fällt. Eines der letzten Relikte.

Goldbeck – Das Kesselhaus in Trümmern, die Trocknung abgerissen, der Kalkschachtofen fiel als letztes Wahrzeichen der Zuckerfabrik am 22.  September 1993 um 14 Uhr.

So erinnert sich Detlef Frey im Gespräch mit der AZ an die Ereignisse nur wenige Jahre nach dem politischen Umbruch in Ostdeutschland und so hat es der Goldbecker Ortschronist in seinen Unterlagen auch vermerkt.

Detlef Frey, Ortschronist.

Der 67-Jährige verfügt außerdem über eine ganz persönliche Verbindung zu dem traditionsreichen Werk in der östlichen Altmark, sein Großvater Otto Thiele arbeitete in den 1930er-Jahren dort. In den Hochzeiten hatte die Fabrik annähernd 350 Mitarbeiter, sie war für die Region durchaus so etwas wie ein Jobmotor.

„Ohne die Zuckerfabrik wäre Goldbeck ein Nest geblieben“, meint Frey. Der Aufschwung kam mit der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Werk wurde 1889 gegründet. Die Zuckerrüben wuchsen nicht unbedingt in Goldbeck selbst, sondern in der weiteren Umgebung oder auch ganz woanders. Nach dem Ende der DDR kaufte Nordzucker den Betrieb. Eine sichere Zukunft bescherte ihm das nicht. Frey schätzt, dass vielleicht noch fünf Prozent des Komplexes stehen, die Zuckerhalle soll ja wieder hergerichtet und nicht zuletzt kulturellen Veranstaltungen dienen. Der ehrenamtliche Ortschronist, der seine Brötchen früher unter anderem als Schlosser in Stendal verdient hat, verfolgt auch das aufmerksam.

Der Abriss erfolgt 1993. Nach und nach werden auch die älteren Teile des Komplexes abgetragen. Auf diesem Bild liegt das Kesselhaus in Trümmern.

Seit 2006 trägt der gebürtige Goldbecker zusammen, was irgendwie mit seiner Heimat zu tun hat. Mehrere Hefter voller Dokumente und mindestens 200 Fotos betreffen die Fabrik. Die Geschäftsberichte von 1895 bis 1945 sind fast durchgehend vorhanden. Die Kopie einer Aktie, ausgestellt 1890, gehört ebenfalls zum Bestand. „Ich besaß sogar eine Aktie aus den 1930er-Jahren im Original, doch die habe ich verliehen und sie ist seit einem Fest vor einigen Jahren verschollen“, berichtet Frey traurig. Er zeigt ein Dokument zur kommunistischen Bodenreform nach 1945, von der das Werk profitiert habe, ein Verbandsbuch des VEB Zuckerfabrik, in dem über die Jahre kleine und größere Verletzungen der Mitarbeiter aufgelistet worden sind.

Wo anfangen, wo aufhören? Der Ortschronist hat einiges eigenhändig unter den Einwohnern, in Archiven und Behörden zusammengetragen, anderes wurde ihm einfach vorbeigebracht. Einige historische Unterlagen verdankt der Altmärker Klaus Herms, dessen Vater Bernhard Buchhalter im Zuckerwerk war. „Ein Chronist kann besser sein, wenn die Menschen hinter ihm stehen und helfen“, ist der Rentner überzeugt und blättert schon wieder in einem Hefter. Ein Foto zeigt Aktionäre um etwa 1900, ein zweites einen Werksdirektor Anfang der 1930er-Jahre, das dritte Mitarbeiterinnen eines Labors in DDR-Zeiten, ein viertes einen Kollegen in der Kochstation. Frey hat noch viel mehr Fotos.

Auch Aufnahmen von Feierlichkeiten im Volkseigenen Betrieb, vom polytechnischen Unterricht, von Studenten, die wahrscheinlich aus der Ukraine zum Arbeiten in die Altmark kamen, und von einem Mädchen-Chor kann Frey vorzeigen. Den Hauptteil der Sammlung machen Fotos von Werksteilen aus. Oftmals hat der Ortschronist ein paar Sätze zur Erklärung darunter geschrieben. Mit Zeitzeugen zu reden, gehöre auch zu seinen Aufgaben. Und natürlich dürfe eines in diesem Geschichtsbereich nicht fehlen: Verpackungen. Der Ortschronist hat Zuckertüten aus Papier und Folie aus realsozialistischen Zeiten, allesamt leer und unbenutzt und für den Goldbecker wertvoll.

Hobby-Historiker Detlef Frey erzählt in unregelmäßigen Abständen in der AZ über Goldbeck und Umgebung.

VON MARCO HERTZFELD 

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