„Bei mir können sie alles finden“

Goldbecks Ortschronist hat sogar schon seine Nachfolge geordnet

Detlef Frey holt einen seiner mehr als 60 Ordner aus dem Regal.
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Detlef Frey holt einen seiner mehr als 60 Ordner aus dem Regal.

Goldbeck – Nein, einen Historiker Norbert Frei kenne er nicht. Nun gut, der Wissenschaftler von der Universität Jena wird im Nachnamen hinten auch anders geschrieben und hat sein Fachgebiet. Detlef Frey lächelt milde und öffnet der AZ die Tür weiter hinein in sein Elternhaus.

Auf dem Tisch liegen viele einzelne Dokumente, prall gefüllte Fotoalben und Ordner voller weiterer Schriftstücke.

„Bei mir können sie alles finden“, sagt der 67-Jährige nicht ohne Stolz und übertreibt damit nicht. Seit 2006 trägt er vieles zusammen, was irgendwie mit Goldbeck zu tun hat. Ein Ortschronist aus Leidenschaft, ehrenamtlich und auf eigene Kosten. Ein Zimmer weiter stehen mehr als 60 andere Ordner, die archivierten Teile darin stecken in Klarsichtfolie. Erst kürzlich hat der Rentner wieder einen Schwung gekauft.

Ein Stück Zeitgeschichte, Medaillen eines ABV.

Zurück am Tisch zeigt Frey einen kleinen Schaukasten, in dem das halbe Leben eines DDR-Volkspolizisten steckt. „Unser früherer Abschnittsbevollmächtigter, kurz ABV, Gerd Maenecke hat mir seine Orden und Ehrenzeichen vor gut drei Jahren überlassen.“ Für einen Ortschronisten wie ihn ein kleiner Schatz. Ins Auge stechen auch alte Bierflaschen, die der Goldbecker beispielhaft aufgestellt hat. Einige stammen von der Hansa-Brauerei Stendal, andere nicht zuletzt aus der Brauerei Magdeburg-Neustadt. „Sie sind richtig alt und sehen im Vergleich zu modernen Flaschen noch nach etwas aus. Den Großteil habe ich im Ort geschenkt bekommen, wenige sogar selbst gefunden.“ Auch das ist Geschichte, nah am Menschen und deren Alltag. Frey ist Feuer und Flamme.

Dabei begann alles eher zufällig. Der Goldbecker ist gelernter Schlosser und arbeitete unter anderem im RAW Stendal. Vor 13 Jahren erkrankte er. „Ich hatte plötzlich viel Zeit und aus purer Langeweile fing ich so richtig mit dem Sammeln an.“ Frey schichtet ein paar alte Karten auf und ergänzt lachend: „Mein Großvater Alfred Frey hat unter anderem Münzen und Briefmarken gesammelt und hatte das Haus voller Bücher. Wahrscheinlich habe ich von da meinen Knacks weg.“ Otto Schneider, ein Cousin der Mutter, erstellte eine Familienchronik, auch das trieb den Altmärker weiter an. Seit 2011 befindet er sich im Ruhestand und ist erst recht ein wichtiger Ansprechpartner. Für die Buchreihe „Wissen der Region“ hat er mehrere Beiträge geschrieben.

Für seine Ordner nimmt Frey alles, wie es kommt, und ordnet es chronologisch und nicht unbedingt nach Themen. Wer sich für Sport, Politik, alte Zuckerfabrik, Eisenbahn, Feuerwehr, Straßenbau oder sonst was interessiert, nennt dem Goldbecker ein Datum und schon legt dieser los. Wenn nur ein spezielles Thema gewünscht wird, weiß der Ortschronist zumindest ungefähr, in welchem Ordnern er suchen muss. Sein ältestes Dokument, wenn auch als Kopie, ist eine Karte von 1846, auf der alle Grundstücke in Goldbeck verzeichnet sind. Zahlreiche Dokumente der Sammlung haben Klaus Herms und Otto Gehrmann beigesteuert. Frey forscht auch in nahen Archiven und freut sich nicht zuletzt über Abzüge aus dem Bestand des Landkreises. „Ich bin für jeden Zettel dankbar.“

Goldbeck sei seine Heimat, er kenne dort jeden Baum und jeden Strauch. „Im Wald um die Ecke haben wir als Kinder gespielt, im Graben haben wir Fische und Frösche gefangen.“ Frey wirkt nachdenklich. Ein lieb gemeinter Auftrag des Journalisten treibt ihn zu seinen mehr als 60 Ordnern. Was weiß sein Archiv zum 11. August 1973? Für den Tag genau findet der Rentner nichts, dafür aber einen Grundriss vom 2. September 1973 zur früheren Kaufhalle, die dort stand, wo mittlerweile die Sparkasse ihre Kunden empfängt. Frey blättert vor und zurück und findet noch anderes mehr. „Sie müssen unbedingt wiederkommen“, sagt er und zeigt noch schnell wunderschön gestaltete Poesiealben aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Sie stammen allesamt von Goldbeckern.

Auch einige wenige Stücke aus Petersmark und Möllendorf, zwei Ortsteilen, bewahrt er auf. Doch im Herzen trage er nun einmal vor allem Goldbeck. Er habe nichts gegen Museen und staatliche Archive, doch die Sammlung soll, wenn er sie irgendwann nicht mehr pflegen und mehren könne, unbedingt in der Gegend bleiben. Auch eine Heimatstube, selbst wenn es sie gäbe, wäre wahrscheinlich nicht seine erste Wahl. „Ich habe eine Dame gefunden, die das Zeug dazu hat und sich kümmern möchte, alles ist schriftlich fixiert und wird seinen Gang gehen.“ Goldbecks ehrenamtlicher Chronist hat vorgesorgt. Übrigens existiere mindestens eine geschichtliche Abhandlung zu Goldbeck in Buchform, wenn auch nicht brandaktuell. Eine Chronik schreiben, das zumindest überlässt Frey anderen.

VON MARCO HERTZFELD  

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