Zwischen Leben und Tod gespielt

Goldbecks Chronist erinnert an Schlachtschiff-Posaunist Brüggemann

Die Scharnhorst in voller Fahrt. Das Schlachtschiff ist nach einem preußischen Militärreformer benannt worden.
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Die Scharnhorst in voller Fahrt. Das Schlachtschiff ist nach einem preußischen Militärreformer benannt worden.

Goldbeck – „Dort ist er. “ Detlef Frey tippt leicht auf eine Aufnahme. „Dieser Mann ist mit seiner Tanzkapelle in der gesamten Altmark unterwegs gewesen. Er war bekannt wie ein bunter Hund.“ Tanzmusik spielte Willi Brüggemann in dem Moment sicherlich nicht.

Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn in Marineuniform irgendwo in Polen.

Obermusikmeister Brüggemann (vorn 3.v.l.) im Hafen.

Der Goldbecker spielte im Musikkorps der Scharnhorst, jenes Schlachtschiffes, das 1943 im Zweiten Weltkrieg in der Barentssee am Rande der Arktis von britischen Kampfgruppen versenkt wurde. Nur ein Bruchteil der fast 2000 Mann starken Besatzung überlebte. Brüggemann war nur wenige Wochen vor dem Gefecht von Bord gegangen. Ansonsten hätte er vielleicht auch dort oben den Tod gefunden.

Der Goldbecker blättert eine Seite um und noch eine. Ein gutes Dutzend Fotografien von Brüggemann in dieser Zeit hat der Ortschronist. Er ist froh über jede einzelne Aufnahme. Die Schwiegertochter des Berufsmusikers hatte ihn in dessen Nachlass schauen lassen, Frey fertigte Kopien an und übernahm aus dem Marinealbum fein säuberlich die Beschreibungen. Mehrere Fotos zeigen Brüggemann, Jahrgang 1920, in einem Hafen der Danziger Bucht, im heutigen Polen. Was er an den Mund hält, dürfte eine Posaune sein. „Ich bin kein Experte in Sachen Musikinstrumente“, sagt der 68-Jährige und schmunzelt. Brüggemann soll mehrere Instrumente beherrscht haben.

Frey ist waschechter Goldbecker, Brüggemann war es nicht. Er kannte den Musiker persönlich. Brüggemann stammte aus Teutschenthal bei Halle. Seine Frau habe er wohl bei der Marine kennengelernt. In Goldbeck arbeitete er als Elektriker in der Zuckerfabrik und in der Freizeit wurde zu Hochzeiten und bei anderen Feierlichkeiten und Festen aufgespielt.

Selbst jüngere Leute hätten damals zu ihm aufgeschaut. Gute Musik habe nun einmal eine mitreißende Wirkung und Brüggemann soll seine Posaune wirklich beherrscht haben. Frey mag Musik und kennt die Marine aus Erzählungen. „Ich bin gern am Wasser, mehr aber auch nicht.“ Der Altmärker war an Land Anfang der 1970er-Jahre Funker beim DDR-Militär.

Türme der Scharnhorst feuern.

Frey schaut auf weitere Fotos. Auf einem ist das Schlachtschiff in voller Fahrt, auf einem anderen feuern zwei Türme. Eine Aufnahme zeigt den Mast mit Siegeswimpel und der Hakenkreuzfahne. Der Ortschronist geht grundsätzlich sparsam und bedacht mit Symbolen des NS-Regimes um. „Es gab sie und sie gehören zu dieser Zeit dazu, nicht mehr und nicht weniger.“ Zur Biografie Brüggemanns, der 1985 verstorben ist, kann der ehrenamtliche Ortschronist nicht viel mehr sagen. Seit 2006 trägt er vieles zusammen, was irgendwie mit Goldbeck und der Umgebung zu tun hat. Er selbst ist gelernter Schlosser und arbeitete unter anderem im Reichsbahnausbesserungswerk (Raw) Stendal. Irgendwann wurde er krank, hatte Zeit und begann einfach zu sammeln.

Seit 2011 befindet er sich im Ruhestand und ist mehr denn je ein wichtiger Ansprechpartner. Für die Buchreihe „Wissen der Region“ hat er mehrere Beiträge geschrieben. Mehr als 60 große dicke Ordner stehen in einem Regal, in anderen Zimmern finden sich weitere Dokumente und dazu etliche Gegenstände. In seiner Sammlung nimmt Frey alles, wie es kommt, und ordnet es chronologisch und nicht unbedingt nach Themen. Wer sich für Sport und Politik, die frühere Zuckerfabrik, Straßenbau, Feuerwehr, Eisenbahn oder sonst was interessiert, nennt dem Altmärker ein Datum und schon ist dieser in seinem Element. Gar nicht so selten, wird er auch fündig. „In Goldbeck war eigentlich immer etwas los.“

Hobby-Historiker Detlef Frey erzählt in unregelmäßigen Abständen in der AZ über Goldbeck und Umgebung.

VON MARCO HERTZFELD  

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