Ortschronist Frey kennt alte und neue Stärken der Schiene

Goldbeck: Eisenbahn macht dem Ort Dampf

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Ein altes Bahnhofsschild hat sich Frey gesichert. Es hängt im Unterstand des Gartens.

Goldbeck – „Ohne die Eisenbahn hätte der Ort nicht die Entwicklung nehmen können und wäre im wahrsten Sinne des Wortes abgehängt worden. “ Detlef Frey eilt davon und kommt mit einem prall gefüllten Aktenordner und einem großen Stapel loser Blätter zurück.

Mehr kann der Goldbecker Chronist auf einmal nicht tragen. „Da ist noch viel mehr.“

Detlef Frey, der Chronist.

Seine Mutter Edith arbeitete viele Jahre in der Bahnmeisterei Goldbeck, die unter anderem auch für Osterburg und Stendal-Ost zuständig war. Von dem Komplex an der Eichstedter Straße sei allein das frühere Beamtenhaus übrig geblieben, es befinde sich mittlerweile in Privatbesitz. Der Endsechziger selbst verdiente sich früher seine Brötchen eine Zeit lang als Schlosser im Reichsbahnausbesserungswerk (Raw) in Stendal. „Eisenbahn bewegt die Menschen und mich sowieso.“

Einen klassischen Bahnhof hat Goldbeck nicht mehr, er ist 2015 abgerissen worden. Der Altmärker weint dem Empfangsgebäude keine allzu große Träne nach. „Es stand viele Jahre leer und ist auch nie ein echtes Schmuckstück gewesen. Was weg ist, ist weg.“ Ein Kuriosum war das Ganze aber schon: Stammte das Gebäude doch aus Salzwedel, wurde dort 1890 abgebaut und im selben Jahr in Goldbeck neu errichtet.

Gleisarbeiter am Goldbecker Bahnhof um das Jahr 1920.

„Die genauen Hintergründe kenne ich nicht, aber ich bin jetzt nun neugierig und werde nachforschen. Man kann ja nicht alles wissen“, sagt Frey im Gespräch mit der AZ und schmunzelt. Die Ortschaft hat inzwischen moderne Bahnsteige und Unterstände. Die funktionalen Anlagen lassen das Herz von Eisenbahnfreunden nicht unbedingt höherschlagen. „Aber so ist es nun einmal.“

Die Anfänge der Eisenbahn in Goldbeck, wie in vielen Orten der Altmark, liegen im Jahr 1846, als die Vorbereitungen für den Bau der Magdeburg-Wittenbergeschen Eisenbahn begannen. Frey schlägt den Ordner auf. Er hat eigene Texte verfasst. Je weiter die Geschichte fortschreitet, umso mehr Material ist überliefert, Streckenkarten, Fotografien, Zeitungsberichte. Die Schienen wurden bis 1851 verlegt, eingleisig.

Besonders bedeutsam sei die Strecke nicht gewesen. Verstaatlichung der Eisenbahn 1880, Zerstörung der Elbbrücke bei Wittenberge im Zweiten Weltkrieg, erste Dieselloks in den 1970er-Jahren – Frey dampft durch die Jahrhunderte. Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit, DDR und vereintes Deutschland, viele Umbrüche spiegeln sich in den Unterlagen des Rentners wider.

Die Geschichte der sozialistischen Bahnmeisterei Goldbeck ist besonders gut dokumentiert. Der Chronist hat zahlreiche Namen von Vorstehern, Streckenläufern und Mitarbeitern anderer Bereiche aufgelistet. Dazu lassen sich immer wieder Gruppenfotos finden und Aufnahmen von Gebäuden, Lokomotiven und anderer Technik. Bauzeichnungen und Streckenpläne gehören auch zu diesem Teil von Freys Sammlung über seinen Heimatort, die inzwischen mehrere Schränke in dem Einfamilienhaus füllt. Frachtbriefe, Fahrscheine, und immer wieder Fotografien, viele natürlich in Schwarz-Weiß, kann der Goldbecker zeigen. Er blättert weiter, fast jede Seite birgt einen kleinen Schatz. Ein Eisenbahn-Historiker hätte vermutlich seine helle Freude an einigem davon.

„Tag des Eisenbahners, Feierlichkeiten, Engagement in der Schule, Kinder, auch das ist Eisenbahn. Die Züge, der Bahnhof, die Bahnmeisterei, Goldbeck hat die Schiene gebraucht.“ Frey wird ein wenig wehmütig und hofft, dass der Eisenbahn in Goldbeck und der Republik nicht irgendwann in Zukunft die Puste ausgeht. Er findet auf die Schnelle auch noch ein Brigade-Tagebuch, das in für die Zeit typischer Weise von Mitarbeitern des Bahnhofs Anfang der 1970er-Jahre berichtet. Ein halbes Dutzend Mützen und mehrere ganze Uniformen aus verschiedenen Bereichen des Eisenbahnwesens sind ihm von anderen überlassen worden. „Und ein altes Halteschild von Goldbeck habe ich vorm Müll bewahrt“, sagt Frey leicht verschmitzt. Einige Meter lang, hängt es bei ihm im Garten.

Hobby-Historiker Detlef Frey erzählt in unregelmäßigen Abständen in der AZ über Goldbeck und Umgebung.

VON MARCO HERTZFELD

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