Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt: Prüfung für Grabmal von Villeroy und Boch läuft

Friedhof Werben: Denkmal für Emmi Könnecke

Eine Engelsstatue zwischen grünen Zweigen.
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Grabmal mit Seltenheitswert: Auf dem Friedhof in Werben steht ein über 100 Jahre alter „Trauernder Genius an eine Säule gelehnt“ von Villeroy & Boch.
  • Stefan Hartmann
    VonStefan Hartmann
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Zwischen allerlei Grabsteinen versteckt sich auf dem Friedhof in Werben eine Besonderheit. Ein Engel von Villeroy und Boch könnte den Denkmalstatus erhalten.

Werben – Friedhöfe sind Orte der Erinnerung. Sie bieten Hinterbliebenen einen Ort, an dem sie ihren Liebsten gedenken können. Die steinernen Grabmale sind dazu gedacht, die Zeit zu überdauern – und manchmal überleben sie auch die Hinterbliebenen selbst. So ist es wohl beim Grabmal von Emmi Könnecke, die am 28. August 1883 im Alter von nur 15 Jahren gestorben ist, auf dem Friedhof in Werben. Die Aufschriften auf dem Grabstein für „unser einziges geliebtes Kind“ offenbaren aber noch ganz andere Geheimnisse. Auf der Rückseite des Grabmales, das eine Engelstatue trägt, ist auch der Hersteller verzeichnet: Die bis heute bekannte Keramikfirma Villeroy & Boch mit dem Zusatz „Merzig“.

„Eine Bürgerin hat angeregt, den Engel zum Denkmal einzustufen“, erklärte der Sachkundige Einwohner Christoph Schorlemmer während einer Besichtigung des Werbener Friedhofs mit dem örtlichen Bauausschuss. Dementsprechend befasst sich das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt mit der Figur, wie die zuständige Gebietsreferentin Luise Schier auf AZ-Anfrage erklärt. Eine Begehung habe bereits stattgefunden, aber die Entscheidung über die Denkmaleigenschaft sei noch nicht abgeschlossen, da es sich um ein Industrieprodukt handele. Jedoch sei für die Region ein Seltenheitswert anzunehmen. Auch öffentliches Interesse an dem Grabmal bestehe, „da moderner Grabschmuck als Attribut dazugegeben wurde“, erläutert Schier.

Sollte der Engel tatsächlich als Denkmal klassifiziert werden, könnten noch Bauarbeiten auf ihn zukommen. Es steht deutlich schief. Vermutlich sei es wegen der nahen Gehölze und Erdbewegungen in Schieflage geraten, aber auch Hebelversuche könnten nicht ausgeschlossen werden, erläutert Schier. „Daher wäre ein restauratorisch vorbereitetes und angeleitetes Richten der vermutlich durch Anker verbundenen Kunststeinelemente zu empfehlen“, legt Schier als Vorgehensweise nahe.

Viele Details zum Grabmal sind noch unklar, aber einiges ist der Firma Villeroy & Boch dennoch bekannt. „Diese Engelfigur, Trauernder Genius an eine Säule gelehnt, war nachweislich Bestandteil des Produktionsprogramms ab 1897 bis zu den 1920er Jahren“, erklärt Ester Schneider, Managing Director Archives und Museum of Ceramics von Villeroy & Boch. Damit passt die vermutete Aufstellung im Todesjahr 1883 nicht zur nachgewiesenen Produktionszeit des „Trauernden Genius“. Fest stehe jedoch, dass der Entwurf von Christian Warth stamme (1836 bis 1890), der als Modelleur und Gestalter beschäftigt war. Seine Schaffensperiode liege in dem Zeitraum der 1870er bis Ende der 1880er Jahre. Allerdings sei die Aktenlage über die Terrakottaproduktion sehr lückenhaft. „Ich gehe davon aus, dass diese Plastik schon vor 1897 im Produktionsprogramm enthalten war“, stellt Schneider klar. Fest steht jedoch, dass Villeroy & Boch 1879 eine Tonwarenfabrik in Merzig, das sich auch auf dem Grabstein in Werben wiederfindet, übernommen und modernisiert hat. Es sei den Technikern gelungen, das Material so zu verbessern, dass es selbst Naturstein an Robustheit und Wetterbeständigkeit überlegen gewesen sei.

Verwendet wurden diese „Bauzier“ genannten Terrakotten vor allem für Prestige-Objekte wie Herrenhäuser, Kathedralen, Banken und Schlösser sowie offenbar den Werbener Friedhof. Die Qualität zeigt sich auch im Preis: 127,50 Mark hat die 110 Kilogramm schwere Statue einer Preisliste von 1897 zufolge gekostet. Eine stolze Summe, wenn bedacht wird, dass in dieser Zeit das monatliche Durchschnittsbruttoeinkommen im Deutschen Kaiserreich bei 62 Mark lag.

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