Ausgangssperren: „Am besten wäre Parkarrest“

Corona-Impfung: Für und Wider abwägen

Hausarzt Calin Carmaciu in seiner Praxis.
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Dass Impfungen helfen schwerwiegende Krankheiten zu verhindern, liegt für Hausarzt Calin Carmaciu klar auf der Hand. Ganz unbedarft sollte an das Thema jedoch nicht herangegangen werden.
  • Stefan Hartmann
    vonStefan Hartmann
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Um Impfungen wird heiß diskutiert. Wer sie wann kriegt, steht dabei meistens im Vordergrund. Einige lehnen sie ganz ab. Hausarzt Calin Carmaciu kennt den Wert von Impfungen und rät zum Abwägen.

Werben – „Impfen ist gut und wichtig“, stellt Hausarzt Dr. Calin Carmaciu, der in Werben praktiziert, fest. Insbesondere gelte dies für die seit Jahren bekannten und erprobten Impfstoffe, wie sie beispielsweise bei der jährlich verfügbaren Grippeimpfung benutzt werden. Bei diesen werden abgetötete oder abgeschwächte Erreger verwendet, um den Körper mit dem Virus vertraut zu machen – in der Folge kann er mit einer künftigen Infektion besser umgehen und so die Erkrankung verhindern. Dass diese wirksam und sicher sind, habe sich unter anderem bei den Pocken und Polio, die in Europa ausgerottet sind, gezeigt.

Auch die neu entwickelten Vektor- und mRNA-Impfstoffe, die während der Corona-Pandemie eingesetzt werden, bewertet Carmaciu in seiner Meinung als Privatperson positiv – jedoch nicht uneingeschränkt. Während zu kurzfristigen Wirkungen schon Einiges an Daten vorliegt, könne über mögliche Langzeitwirkungen nur gemutmaßt werden. Angst müsse deshalb jedoch niemand haben, erklärt er und wählt ein griffiges Beispiel: „Wer heiratet, weiß ja auch nicht, was in 20 Jahren daraus wird“, stellt Carmaciu fest. Mit endgültiger Sicherheit könne am Hochzeitstag niemand sagen, ob und wenn ja wie viele Hochzeitstage gefeiert werden, oder ob man sich mit einer Scheidung auseinandersetzen muss. Deshalb sollten sich Impfwillige darüber im Klaren sein, dass bei neuen medizinischen Mitteln noch keine verlässliche Auskunft über mögliche Langzeitwirkungen gegeben werden könne. Auf dem Papier, so schätzt Carmaciu die Situation ein, sähen die Impfstoffe jedoch sehr vielversprechend aus. „Wenn alles so passiert, wie auf dem Papier geschildert, dann ist alles in Ordnung – wenn nichts falsch läuft oder nichts Ungekanntes auftritt.“

Dass es Nebenwirkungen gibt, habe sich unter anderem bei der Diskussion um den Impfstoff von Astrazeneca gezeigt. Auch in Israel, das oft als Impf-Vorreiter angesehen wird, habe es unerwartete, wenn auch seltene, Nebenwirkungen gegeben. Bei sechs Geimpften sei so kurz nach der Impfung die Gürtelrose ausgebrochen. „In fünf, zehn oder zwanzig Jahren können wir eine ganz andere Diskussion führen“, stellt der Hausarzt fest.

Als ganz selbstverständlich könne die Impfung von über 80- oder über 70-Jährigen betrachtet werden. Nicht nur seien diese besonders vom Virus bedroht, auch werde mit steigendem Alter die Frage nach möglichen Nebenwirkungen, die vielleicht erst in 20 Jahren auftreten, weniger relevant. Dies gelte auch, wenn es einige sehr seltene schwere Impfrisiken gebe. Die sicheren Vorteile der Impfung wiegen ein mögliches Risiko von Nebenwirkungen auf.

Bedeutsamer sei die Überlegung, sich impfen zu lassen jedoch für die jüngere Bevölkerung. Wer mit 20 eine Impfung erhält und dann 80 oder 90 Jahre alt wird, müsse unter Umständen ein langes Leben mit einer Impfnebenwirkung verbringen. Als generelles „Nein“ zur Impfung für Jüngere solle diese Überlegung jedoch nicht aufgefasst werden. Eher als Aufruf, sich Gedanken über seine Situation zu machen, wenn diese Entscheidung getroffen wird.

Zu einer ähnlichen Einschätzung ist auch die Ständige Impfkommission im Fall Astrazeneca gekommen, die den Impfstoff aktuell für Personen ab 60 Jahren empfiehlt. Die starke Nebenwirkung der Hirnvenenthrombose trat überwiegend bei jüngeren Frauen auf.

In der öffentlichen Diskussion nehme ein weiterer Bestandteil jedoch einen recht geringen Teil ein, der mehr Beachtung finden sollte. Ein gesunder Lebensstil könne das Immunsystem stärken und so auch einen Anteil daran tragen, schwere Verläufe zu verhindern.

Auch einige der aktuellen Eindämmungsmaßnahmen sorgen bei Carmaciu eher für Stirnrunzeln. Der überwiegend größte Teil der Ansteckungen fände in Innenräumen statt. Verhindert würden Infektionen jedoch am effektivsten, indem man sich draußen aufhält, für gute Durchlüftung sorgt, Abstand hält und Masken trägt – in dieser Reihenfolge, falls das jeweils Vorherige nicht möglich ist. Mit Ausgangssperren würden Menschen jedoch in die Innenräume getrieben. Besser sei zur Bekämpfung der Pandemie jedoch das genaue Gegenteil: „Die Leute kriegen quasi Hausarrest, aber am besten wäre Parkarrest!“

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