Archäologin rekonstruiert Stadtentwicklung in der Altmark am Beispiel von Werben

Burg Werben noch nicht gefunden aber: „Die Suche geht weiter“

Archäologin Anna Bartrow arbeitet an einer technischen Zeichnung.
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Mit Fingerspitzen- und Feingefühl: Trotz vieler moderner Hilfsmittel gehört für Anna Bartrow das Anfertigen von technischen Zeichnungen der Fundstücke mit zum Arbeitsalltag.
  • Stefan Hartmann
    VonStefan Hartmann
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Archäologin Anna Bartrow untersucht für ihre Doktorarbeit die Stadtentwicklung von Werben. Spuren von der Burg hat sie dabei noch nicht entdeckt. Beendet ist die Suche damit aber noch nicht. 

Werben – Selber buddeln muss Anna Bartrow für ihre Doktorarbeit nicht, aber trotzdem nimmt sie fast jeden Stein in die Hand, der ihr im Werbener Pfarramt oder in ihrem Institut in Halle vorgelegt wird. Die Archäologin untersucht die Stadtentwicklung in der Altmark am Beispiel von Werben.

Auch wenn sie wohl noch gut zwei Jahre mit ihrer Arbeit beschäftigt sein wird und deshalb nicht alle Ergebnisse endgültig sind, gibt es doch eine schlechte Nachricht: Dass die Burg Werben wie oft vermutet im Bereich der Kernstadt stand, sei „sehr unwahrscheinlich“, sagt Bartrow. Bisher habe sie keine Hinweise darauf finden können. Das wäre aber auch sehr ungewöhnlich gewesen. Üblicher seien derartige Burganlagen ohnehin in Außenbereichen gewesen. Aber: „Die Suche geht weiter“, verspricht sie. Denn auch bei einer Stadtuntersuchung dürfe das Umland nicht aus dem Blick gelassen werden. Mit Hilfe modernster Technik wie Laservermessungen vom Flugzeug aus kann die Umgebung kartografiert werden. „Auch Wasserstände der Elbe lassen sich simulieren“, führt die Archäologin weiter aus. So lassen sich mögliche Standorte für die Burg ausmachen. Besondere Hilfe bekommt Bartrow dabei von unerwarteter Seite. Unter Archäologen sei es sehr beliebt bei Begehungen die Maulwurfshügel genauer anzuschauen. Manchmal bringen diese nicht nur Erde, sondern auch Scherben von Vasen und Töpfen ans Tageslicht.

Am Romanischen Haus wurde ein verzierter Backstein gefunden der, wahrscheinlich, einen Ritter zeigt.

Oft sind es Steine und daraus gefertigte Produkte, die Menschen aus der Moderne mit der Archäologie verbinden. Gerade beim Straßenbau im Mittelalter wird jedoch auch Holz interessant. Ähnlich wie in manch altem Wohnzimmer wurden diese mit Dielen belegt. Mittels dendrologischer Untersuchungen kann dann nicht nur herausgefunden werden, wie alt ein Baum war, als er gefällt wurde, sondern auch wann das passiert ist – und so ein Rückschluss daraus gezogen werden, wann Straßen angelegt wurden.

Erstmals als Stadt erwähnt wurde Werben 1160, Berichte über die dortige Burg stammen von 1005. Natürlich sei die Stadt nicht im Jahr 1160 aus dem nichts entstanden – diese vorherigen Zustände und wie sie sich entwickelt haben, zu erforschen ist Bartrows Mission. Bis zu deren Abschluss werden noch Jahre vergehen. Im Idealfall könne jedoch, beispielsweise in Jahrzehnt-Abschnitten, die Entwicklung der Stadt, und auch mit ihrer Hansezugehörigkeit im Blick, abgebildet werden. Hinweise auf die Handels- und Handwerkstätigkeiten in der Stadt finden sich an vielen Stellen. Oft sind es nur kleine Bruchstücke, aber auch diese geben mit ihrer Oberflächenbeschaffenheit Aufschluss über ihre Funktion. Manchmal kommen auch fast noch intakte Tontöpfe ans Tageslicht. Wahrscheinlich wurden sie von außerhalb geliefert, erklärt Bartrow zu einem kleinen Kochtopf aus sogenannter „Grauer Irdenware“. Normalerweise ist Ton rot, wird er jedoch ohne Sauerstoffzufuhr gebrannt, entsteht die andere Färbung. „Die Leute wussten, was sie tun“, erklärt Bartrow die handwerkliche Bedeutung der Fundstücke.

Während diese vermutlich auf dem Handelsweg nach Werben kamen, gibt es auch Hinweise auf lokale Handwerker. „Den Schuhmacher haben wir schon gefunden“, sagt Bartrow. Viele kleine Lederschnipsel, die beim Zuschneiden übrig blieben, seien ein klarer Hinweis. Noch nicht gefunden hingegen wurde der Gerber, der Felle zu Leder weiterverarbeitet hat. Aber auch dieser müsse noch irgendwo in der Stadt zu finden sein, so Bartrow.

Zwei Exemplare von historischer „grauer Irdenware“

Einen weiteren Hinweis auf den Reichtum, den die Stadt als Mitglied der Hanse erwirtschaftet hat, ist eine Luftheizung. Im Gegensatz zu modernen Geräten wird kein Wasser, sondern Steine auf einem Ofen in einem unteren Zimmer oder Keller erhitzt. Durch Kanäle konnte die warme Luft dann in ein höheres Zimmer aufsteigen. So etwas finde man nur in gehobenen Haushalten, stellt die Archäologin klar. In den Hansestädten der Ostsee seien derartige Funde immer häufiger aufgetreten. „Da reiht sich Werben gut ein.“

Nicht übermäßig selten, aber deswegen nicht weniger spannend seien verzierte Backsteine. Das besondere an ihnen ist, dass nicht die sichtbaren, sondern die von Mörtel und anderen Steinen verdeckten Seiten verziert sind. Im Bereich des Romanischen Hauses seien kürzlich zwei Exemplare gefunden worden. Während der eine recht offensichtlich ein Johanniter-Kreuz zeigt, ist auf dem anderen eine Figur zu sehen. „Vermutlich ein Ritter“, erklärt die Archäologin. Eine tatsächliche Funktion haben diese Verzierungen nicht. Gäben aber Aufschluss auf die damalige Bevölkerung. So gebe es auch Funde, auf denen Spielbretter eingeritzt sind. „Da hat sich jemand ausgelebt.“

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