Wunsch nach Akteneinsicht weiter ungebrochen / Beratungstag in Arendsee

Wenn der liebe Nachbar für die Stasi spitzelte

Renate Bogasch und Dr. Wolfgang Laßleben berieten und unterstützten gestern Johannes Schindler. Der Rademiner und 46 weitere Bürger nutzte den Beratungstag des Landesbeauftragten für die Unterlagen des Stasi im Arendseer Rathaus. Foto: Güssefeld

Arendsee. Auch 22 Jahre nach der politischen Wende wollen Menschen wissen, was die Spitzel von einst an die Stasi weiterleiteten.

Beim gestrigen Bürgerberatungstag des Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR war der Ansturm zunächst verhalten, aber es kamen immer noch 47 Frauen und Männer ins Arendseer Rathaus. „Wir erkennen keinen Abbruch. Das Interesse zu wissen, wer mich bespitzelt hat, ist weiterhin sehr hoch“, so Dr. Wolfgang Laßleben, Referent beim Landesbeauftragten in Magdeburg, im AZ-Gespräch. Zu denen, die gestern den Beratungstag nutzten, gehörte auch Johannes Schindler aus Rademin. Er stellte einen Antrag, wollte sich aber über die Beweggründe nicht äußern. Verständlich, denn die Gründe dafür sind vielfältig, weiß auch Dr. Wolfgang Laßleben. „Die Informationen insgesamt sind so umfangreich, dass man sagen kann, dass das Bundesarchiv, das Material seit der Kaiserzeit sammelt, nicht halb so viel Informationen enthält wie die von der Stasi gesammelten Daten“, so der Magdeburger. Stasiarbeit war aber dennoch keine Archivarbeit, die für die Nachwelt erhalten werden sollte. „Es ging konkret um Personen, über die belastendes Material gesammelt wurde“, hieß es.

Stasiunterlagen würden auch für wissenschaftliche Zwecke genutzt. Dr. Laßleben beruhigte aber gleich, personenbezogene Daten würden dabei nicht verwendet. Wenn, dann würden die Betroffenen informiert oder die Angaben anonymisiert.

Was passiert mit den Stasiunterlagen, wenn rein aus demografischen Gründen niemand mehr da ist, der eine Akte anfordern könne, wollte die AZ wissen. „Die Unterlagen werden nicht vernichtet, sondern kommen ins Bundesarchiv, werden dann wie Archivgut behandelt“, so Dr. Laßleben, der gestern Klaus Blaser aus der gleichen Dienststelle und von Renate Bogasch als Vertreterin des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen unterstützt wurde.

Einen Antrag zu stellen ist an den Beratungstagen spielend einfach: Nach Vorlage des Personalausweises füllt der Antragsteller alles penibel aus – wichtig dabei sind die genauen Wohn- und Aufenthaltsorte, um bei den Ex-Bezirksverwaltungen der Stasi in der ehemaligen DDR schneller fündig zu werden. Es dauert mehrere Monate, bis der Antragsteller die Möglichkeit zur Akteneinsicht bekommt. Oft ist es aber schwer, die IM-Namen den Spitzeln zuzuordnen. Doch es gibt dann auch die Möglichkeit, einen Antrag auf die Herausgabe der Klarnamen zu stellen. Das sollte aber gut überlegt sein, denn nicht selten stellt sich dann heraus, dass der nette Nachbar, der Abschnittsbevollmächtigte oder die Angestellte der Post für die Stasi gespitzelt hatten. Man kennt sich – und muss weiter nebeneinander leben.

Dr. Laßleben sieht in der Überprüfung von Parlamenten, von Behörden und Institutionen des öffentlichen Rechts auf ehemals informelle Mitarbeiter eine Sache des Vertrauens. Eine Landesregierung, die das durchziehe, genieße mehr Vertrauen als eine, die es lasse, sagte er.

Wie schwer der Umgang mit dem Thema ist, musste die Magdeburger Einrichtung 2010 selbst erfahren: Der Landesbeauftragte (!) Gerhard Ruden musste gehen, weil er einst seinen Freund an die Staatssicherheit verraten hatte.

Von Harry Güssefeld

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare