IM GERICHT: Misshandlungsvorwürfe gegen Arendseer / Zeuge: Opfer sei „Eigentum“ des Angeklagten gewesen

„Wenn etwas verkehrt lief, wurde er mit Schlägen bestraft“

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(Symbolbild)

Arendsee – Körperliche Misshandlung in mehreren Fällen, ein sklavenähnliches Verhältnis, Alkoholabhängigkeit – was gestern vor dem Salzwedeler Amtsgericht verhandelt wurde, war kein leichter Stoff.

Angeklagt war ein 58-jähriger Arendseer, der einen 59-Jährigen, ebenfalls aus der Seestadt, in vier Fällen in den Jahren 2017 und 2018 getreten, geschlagen und unter Wasser gedrückt haben soll.

Das Opfer wohnte zum Tatzeitpunkt seit rund zehn Jahren im Arendseer Obdachlosenheim und ist Alkoholiker. Der Angeklagte erklärte vor Gericht, dass der Mann ihm leidtat und wie schlimm es im Heim aussah. Er habe ihm eine Waschmaschine, einen Fernseher und eine Kühltruhe gekauft und ins Heim gestellt. Im Gegenzug arbeitete das spätere Opfer auf seinem Hühnerhof, fütterte hauptsächlich die Tiere, mähte den Rasen und half anderweitig. Weil er schlecht mit seinem Geld umgehen konnte und immer wieder dem Alkohol verfiel, gab es außerdem eine Vereinbarung zwischen Angeklagtem und Opfer, dass Ersterer das Geld verwaltet und Letzterer unentgeltlich und ohne Zwang arbeitet.

Doch das Verhältnis soll sich laut Zeugenaussagen immer mehr in eine gewaltgeprägte, sklavenähnliche Abhängigkeit verwandelt haben. Habe dem 58-Jährigen etwas nicht gepasst, dann soll er den anderen gepackt und in einer Badewanne wiederholt untergetaucht haben.

„Er hatte regelrecht Angst“, beschrieb die ehemalige Lebensgefährtin des Angeklagten die Vorgänge auf dem Hühnerhof. „Es wurde für den Mann zur Pflicht, die Hühner zu versorgen. Wenn etwas verkehrt lief, dann wurde er mit Schlägen be-straft“, sagte die 49-Jährige aus. Neben dem Untertauchen, das des Öfteren vorgekommen sein soll, erwähnte sie Schläge mit einer Eisenstange, bis das Opfer zusammenbrach. Auch sie selbst habe etwas abbekommen.

Der Angeklagte und sein Anwalt schilderten die Vorgänge anders. Er habe den Mann nicht in die Rippen, sondern ab und an in den Hintern getreten. Stahlkappenschuhe habe er dabei nicht getragen. Eine angezeigte Verletzung im Gesicht, angeblich durch einen Faustschlag verursacht, sei tatsächlich bei Waldarbeiten entstanden, als das Opfer völlig betrunken in einen Zaun stürzte. Auch die anderen Schädigungen führten Angeklagter und Verteidiger auf den Einfluss von Alkohol und Rausch beim 59-Jährigen zurück. Der Angeklagte räumte zu Beginn einen Vorfall ein, bei dem das Opfer in die Badewanne geflogen sei.

Der Geschädigte sagte gestern als erster Zeuge aus. Richter Dr. Klaus Hüttermann wollte von ihm wissen, warum er immer wieder zu seinem mutmaßlichen Peiniger zurückgekehrt sei. Es sei ihm um eine Beschäftigung gegangen, so die Antwort. Und außerdem sei er körperlich unterlegen gewesen und habe sich nicht gewehrt. Anfangs sei es auch nicht so schlimm gewesen. Zum Badewannenvorfall meinte er, dass er betrunken gewesen sei. „Er hat mich ganz schön lange eingetaucht. Da ging mir die Luft aus“, schilderte das Opfer. Zu den anderen Anklagepunkten konnte er nicht viel sagen – er leide an alkoholbedingtem Gedächtnisverlust, klärte der Richter nebenbei auf.

Ein Zeuge, ehemaliger Alkoholiker und Freund des Mannes auf der Anklagebank, gab dem Gericht Einblicke in die Vorfälle. Das Untertauchen habe er mit eigenen Augen gesehen. „Das hat ganz schön geblubbert.“ Das Opfer habe sich nach einem Rippentritt nicht einmal getraut, umzukippen. „Ich hörte es richtig knirschen“, sagte der Zeuge. Das Opfer sei das „Eigentum“ des Angeklagten gewesen, hieß es.

Die aktuelle Lebensgefährtin und ein Bekannter des Arendseers sagten ebenfalls in Salzwedel aus, jedoch zugunsten des Angeklagten. Es hätte ein beinahe familiäres Verhältnis bestanden, so die Frau. Und der Mann meinte, er könne sich die Tatvorwürfe nicht vorstellen.

Das mutmaßliche Martyrium des Opfers endete, nachdem die ehemalige Lebensgefährtin des Angeklagten und andere ihn dort wegholten. Er ist seitdem im Landkreis Stendal untergebracht.

Der Prozess könnte am zweiten Verhandlungstag, 19. Juli, ein Urteil finden.

hey

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