Die Coronakrise krempelt die Schule um – ein Kraftakt für Eltern, Schüler und Lehrer

Arendsee: Vom Frontal- zum Digitalunterricht an der Theodor-Fontane-Schule

Lehrer der Theodor-Fontane-Schule Arendsee erweitern derzeit ihre Computerkenntnisse.
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Lehrer der Theodor-Fontane-Schule Arendsee erweitern derzeit ihre Computerkenntnisse.

„Ich stelle einen Antrag auf Versetzung an eine Schule, die noch nicht mit Computern ausgestattet ist“, flucht gestern eine etwa sechzigjährige Lehrerin in der Theodor-Fontane-Schule in Arendsee.

Arendsee – Gerade ist sie daran gescheitert, sich in eine Videokonferenzplattform einzuloggen, die die Schule ab der kommenden Woche für digitale Lehrerkonferenzen nutzen will.

Dann nämlich sollen die Lehrer wegen Corona nur noch im Homeoffice arbeiten. Schulleiter Thomas Schlicke eilt herbei und öffnet die Plattform über den Link, den er der Kollegin zuvor geschickt hat. „Na prima, jetzt bin ich zwar drin. Aber wenn du nicht daneben stehst, weiß ich nicht, was ich eingeben muss, um das selber hinzukriegen“, macht die Pädagogin ihrem Ärger Luft. Bis mindestens Ende Januar sollen die Schulen bundesweit geschlossen bleiben. Das Motto lautet nun „Distanzunterricht“ und dafür will Thomas Schlicke möglichst stark auf digitale Kanäle setzen.

Kurz vor den Weihnachtsferien hat die Theodor-Fontane-Schule noch 60 Laptops erhalten, die über das Corona-Hilfe II Sofortprogramm des Bundes finanziert wurden. Die Geräte bleiben Eigentum der Schule und können bei Bedarf an Schülerinnen und Schüler ausgeliehen werden, die zu Hause kein mobiles Endgerät zur Verfügung haben. Und die gibt es einer Elternvertreterin zufolge durchaus: „An der Schule haben wir Familien mit vier Kindern, die weder einen Computer noch einen Drucker zuhause haben und nur ein einziges Handy als Familientelefon“, sagt sie. In vielen Dörfern rund um die Stadt Arendsee seien sowohl der Internet- als auch der Mobilfunkempfang sehr schlecht.

„Jetzt fällt es uns auf die Füße, dass Deutschland in der Digitalisierung hinterherhinkt“, so die zweifache Mutter. Auch in der Schule selbst reicht die Internetbandbreite für die neuen Anforderungen noch nicht aus. Sobald sich mehr als fünf Personen innerhalb des Schulgebäudes in die Videokonferenz-Plattform einloggen wollen, versagt die Software. „Wir haben momentan nur einen ganz normalen DSL-Anschluss“, erläutert Schlicke, „das reicht nicht mehr aus. “ Die Telekom hätte sich jedoch kürzlich bei ihm gemeldet, um schnellstmöglich einen Breitbandanschluss für die Schule zu realisieren. Auch wenn die Technik noch nicht perfekt ist, sollen ab der kommenden Woche alle Schüler der Theodor-Fontane-Schule ihre Aufgaben komplett per E-Mail erhalten. „Wie das bei Schülern funktionieren soll, die zuhause kein Internet haben, ist mir ein Rätsel“, sagt die Elternvertreterin. „Wer zuhause die Technik nicht hat, kann in die Schule kommen und hier an den Laptops arbeiten“, erklärt Schlicke.

Den Stoff müssten sich die Schüler anhand der Aufgaben selbst erarbeiten, so der Schuldirektor auf Nachfrage. Nach den Sommerferien hätten sie mit dem selbstorganisierten Lernen begonnen. Auch wenn das manchen noch Probleme bereite, sei es doch für alle Schüler ein wertvoller Ansatz. Die Mutter sagt, so ganz selbstständig würden die Kinder zuhause nicht arbeiten. „Ich muss viele Fragen beantworten und unterstützen“, erklärt sie und ergänzt: „Zusätzlich zu Homeoffice und Haushalt übernehme ich jetzt auch noch Lehreraufgaben. Distanzunterricht bedeutet für mich Zwölf-Stunden-Tage.“ (VON BEATE ACHILLES)

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