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Verliert Arendsee zwei Kitas?

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Von: Detlef Güssefeld

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Unzählige Kinder marschieren im Rahmen eines Protest-Zuges mit ihren Laternen und begleitet von ihren Eltern und Ordnern über eine Straße.
Noch allen Beteiligten gut in Erinnerung: Am 29. Oktober 2020 demonstrierten aufgebrachte Eltern aus Binde mit ihren Kindern in Arendsee für den Erhalt ihrer Kita. © Eckehard Schwarz

Der Tagesordnungspunkt im Sozialausschuss hatte schon vor Beginn der Sitzung Sprengkraft. Es ging um die Tagesstätte in Binde, um die es nach Schließungsgerüchten vor gut zwei Jahren zunächst wieder ruhig geworden war. Doch seit Mittwochabend ist das wieder anders: Auch wenn die Verwaltung beschwichtigt, die Tagesstätten irgendwie halten zu wollen, verstrickten sich deren Vertreter immer wieder in Aussagen, die Zweifel aufkommen ließen.

Arendsee – Hauptamtsleiter Michael Niederhausen erwähnte die vorliegenden Brandschutzgutachten, und da sehe es nicht gut aus. Dazu komme der schlechte bauliche Zustand. „Wir brauchen sechsstellige Summen, um die Einrichtungen auf Vordermann zu bringen.“ Alle im Raum wussten, dass dieses Geld nicht aus der Stadtkasse zu finanzieren sei. Deshalb erinnerte Bürgermeister Norman Klebe an einen Antrag, Mittel aus dem Parteivermögen der ehemaligen DDR zu beziehen. Konkret: 400 000 Euro habe man für das Projekt Binde beantragt. Doch ob Arendsee tatsächlich in den Genuss der Mittel kommt, weiß derzeit niemand. Deshalb hatte auch Stadtrat Jens Reichhardt die Gedankenspiele mit dem vermeintlichen Geldsegen als unseriös bezeichnet. Doch die Anwesenden erkannten schnell: Werde Geld fließen, dann nur nach Binde. Und was ist mit Kleinau? Die Rakete hatte Hauptamtsleiter Miachal Niederhausen zu diesem Zeitpunkt schon längst gezündet. Angesichts der Mängel, auch in Bezug auf den Brandschutz in beiden Einrichtungen seien die beiden Kitas von der Schließung durch Behörden bedroht. Das Wort „Kindeswohlgefährdung“ machte kurz die Runde. Den Anwesenden stockte der Atem. Vor allem den zahlreichen Vertretern aus Binde, unter ihnen die Chefin der Kita, Ilona Altenburg. Sie ließ nicht locker, immer wieder zu erklären, dass die Kita einen großen Schritt nach vorn genommen habe. Unterstützt wurde sie dabei vom Fördervereins-Chef Robert Lüdtke.

Alle aus Binde erinnerten sich in dem Zusammenhang an die Demo vor knapp drei Jahren, als Eltern und Kinder durch Arendsee zogen und den Erhalt ihrer Einrichtung forderten. Obwohl inzwischen durchgesickert war, dass die Verwaltung damals konkret über eine Schließung nachdachte, hatte Bürgermeister Norman Klebe öffentlich auf dem Marktplatz erklärt, dass es keine Schließung geben werde. Fünf Kitas hat Arendsee, zwei davon sind gefährdet. Insgesamt sind fast alle Einrichtungen gut ausgebucht, allein Kleinau hat noch freie Kapazitäten, sagte eine Übersicht am Dienstag aus. Binde sei mit 89, Kleinau mit 45 Prozent ausgelastet. In allen fünf Einrichtungen zusammen sind laut Verwaltung 70 Plätze frei. Ausschussmitglied Hartmut Baier aus Mechau forderte Klartext von der Verwaltung. Sie schiebe alles nur vor sich her, sagte er. Wenn man sich goldene Türklinken leisten wolle, dann führe das írgendwann zu einem Dilemma. Ein Kita-Platz in Binde koste rund 7000 Euro im Jahr, in Arendsee seien es nur rund 3400 Euro, ließ er wissen. Das Thema werde im Rathaus verdrängt, und nun solle der Stadtrat die Initiative übernehmen. Das kritisierte auch Stadtrat Björn Hartmann. Er warf Norman Klebe vor, vor Jahren eine Schließung selbst ins Auge gefasst zu haben. Nun aber wolle er die Einrichtung erhalten. Klebe hatte von einer Verantwortung gegenüber Familien gesprochen, man könne nicht alles von Geld abhängig machen. Auch die Aussage, man könne neu bauen und diese beiden Einrichtungen schließen, war kurz zu vernehmen. So wie man es in Arendsee und Fleetmark getan habe. Doch dazu wären Millionen Euro notwendig, keiner weiß woher man sie nehmen könnte.

Die Stadträte Uwe Hundt und Jens Reichhardt erkannten die Brisanz der Diskussion und forderten, die Problematik in einer Infoveranstaltung zu behandeln. Der Ausschuss sei gerade überfordert, so die beiden Politiker. Kritisiert wurde, dass es zunächst nur um Binde ging, dann aber über die Tagesordnung hinaus Kleinau mit im Boot sei. Kein Geld, enorme Brandschutzauflagen und Baumängel: Demgegenüber steht der Wille der Eltern, die Kitas unter allen Umständen zu erhalten. Die Verwaltung malt ein düsteres Bild, vermeidet bezüglich etwaiger Schließungen aber ein klares Bekenntis. Darüber zu befinden, scheint wohl aktuell dem Stadtrat übergestülpt zu werden. Zum Schluss der Diskussion gab es ein Trostpflaster der Ausschuss-Chefin an die aufgeregten Eltern. „Es bleibt so wie es ist“, sagte sie. Als ob es die Stunde zuvor nicht gegeben hätte.

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