Angeklagte von fahrlässiger Tötung und Körperverletzung freigesprochen

„Tochter sterben zu sehen, ist Strafe genug“

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Bei einem schweren Verkehrsunfall am 22. Juni 2010 verstarb ein dreijähriges Mädchen. Ihre Mutter war gestern wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Das Verfahren wurde eingestellt.

Kläden / Salzwedel. Die schrecklichen Bilder kamen bei allen Beteiligten wieder hoch, all die grausamen Erinnerungen wurden wieder aufgewühlt, als gestern eine 27-Jährige aus Plauen vor dem Amtsgericht Salzwedel stand.

Sie wurde im Verfahren wegen fahrlässiger Tötung sowie schwerer Körperverletzung freigesprochen.

Im Gericht

Am 22. Juni 2010 war die damalige Kaulitzerin zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter sowie zwei Jungen einer Bekannten von Kläden nach Binde unterwegs gewesen. In einer Linkskurve hörte die junge Frau einen Knall am rechten Vorderrad und verlor daraufhin die Kontrolle über ihr Auto und prallte gegen einen Baum. Die Tochter verstarb trotz aller Bemühungen der Rettungskräfte aufgrund eines schweren Schädelhirntraumas und mehrfachen Knochenbrüchen noch an der Unfallstelle. Der achtjährige Junge wurde mit schweren Kopfverletzungen sowie offenen Brüchen in eine Schweriner Klinik geflogen. Er überlebte. Der andere Junge überstand den Unfall leichtverletzt.

Die Staatsanwaltschaft und ein hinzugezogener Sachverständiger hegten Zweifeln daran, ob die gelernte Gärtnerin ihrer Sorgfaltspflicht genügend nachgegangen sei. Denn laut technischem Gutachten habe sie für ihre dreijährige Tochter den falschen Kindersitz verwendet, außerdem sollen das Kind sowie der Achtjährige nicht angeschnallt gewesen sein.

„Ich habe alle vor der Fahrt angeschnallt und darauf hingewiesen, dass sich niemand während der Fahrt abschnallt“, so die Beschuldigte zu Richter Dr. Klaus Hüttermann. Kurz vor dem Unfall habe sie ihrer Tochter noch einmal tief in die Augen geschaut, berichtete die 27-Jährige. Dabei habe sie aber nicht erkennen können, ob sie noch angegurtet war oder nicht. Dann verlor sie die Kontrolle über den Wagen.

„Ich habe nur Bäume auf uns zukommen sehen, wollte ausweichen. Uns kamen Autos entgegen. Es ging alles so schnell.“, schilderte die Frau unter den Eindrücken der schrecklichen Ereignisse den Unfallhergang.

Ein 34-jähriger Klädener, welcher als Zeuge geladen war, kam damals als erster an den Unfallort. „Ich war auf dem Feld, habe Heu gemacht. Ich hörte einen Knall und fuhr sofort zum Unfall“, so der Zeuge. Der gelernte Maurer half, die Kinder zu befreien. „Überall war Blut. Ich habe mich sofort um das kleine Mädchen gekümmert und sie versucht wiederzubeleben“, erzählte der Unfallzeuge mit merklich zitternder Stimme. „Diese Bilder kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Ich hatte lange mit den Erinnerungen zu kämpfen“, so der Zeuge weiter. Auch wenn es allen Beteiligten im Saal schwer fiel, musste Richter Dr. Hüttermann Details erfragen. Bilder vom Unfallort machten das Ausmaß der Tragödie deutlich.

Auch der zweite Zeuge, ein 43-jähriger Kakerbecker, hat noch immer mit den Bildern des Unfalls zu kämpfen: „Ich habe die zwei Jungen von der Rückbank geholt, den einen gleich wiederbelebt. Ihm kam das Blut aus dem Mund. Außerdem lief am Auto Benzin aus, es musste schnell gehen. Ich habe einfach nur funktioniert.“

Der erste Zeuge war sich zu einhundert Prozent sicher, dass das Mädchen Schnittwunden am Hals hatte, welche seiner Meinung nach von einem Gurt stammen. Er kenne diese Art von Verletzungen aus seiner Zeit bei der Feuerwehr, schilderte der 34-jährige Klädener.

Der damals zuständige Notarzt wurde auch befragt, konnte aber zu den Vorwürfen des nicht angelegten Gurtes keine Auskunft geben. Zwei Polizisten, die zum Ort des Schreckens gefahren waren, ebenfalls nicht. Drogen oder Alkohol seien aber nicht im Spiel gewesen, hieß es gestern.

Der Sachverständige, der das Auto untersucht hat, stellte fest, dass der Gurt hinten rechts definitiv nicht angelegt war. Außerdem sei der Kindersitz für die verstorbene Tochter viel zu groß gewesen. Der andere Junge sei angeschnallt und deshalb auch nur leicht verletzt worden. Technische Mängel am Auto waren seiner Meinung nach nicht vorhanden. Woher das Knacken am Auto stammte und warum die Frau die Kontrolle verlor, konnte nicht geklärt werden.

Nach fast vierstündiger Verhandlung und mehreren Unterbrechungen, in denen die Angeklagte immer wieder in Tränen ausbrach, beantragte die Staatsanwältin das Verfahren in beiden Fällen einzustellen. Richter Dr. Hüttermann und der Verteidiger stimmten dem zu. „Wir alle hier im Saal sind uns einig, dass der Tod des eigenes Kindes das Schlimmste ist, was einem Menschen passieren kann. Als Mutter die Tochter sterben zu sehen, ist Strafe genug.“, so die Staatsanwältin.

Von Steffen Koller

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