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„Nachts hören wir sie heulen“ – In und um Arendsee gibt es immer mehr Wölfe

Die Überreste dieses Wolfrisses fanden Spaziergänger gestern im Wald zwischen Dessau und Kerkau.
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Die Überreste dieses Wolfrisses fanden Spaziergänger gestern im Wald zwischen Dessau und Kerkau.

Arendsee – Von 14 auf 19 ist die Anzahl der Wolfsrudel in Sachsen-Anhalt im Jahr 2020 gestiegen. So sagt es der Wolfsmonitoring-Bericht des Bundeslandes, der Anfang vergangenen Monats erschienen ist. Insgesamt leben demnach in Sachsen-Anhalt aktuell 134 Wölfe.

Die Zahl der Übergriffe auf Nutztiere hat dem Bericht zufolge 2020 um 86 Prozent zugenommen. Das betrifft beispielsweise auch den Arendseer Schäfer Klaus Hildebrandt. Er hat inzwischen 130 von Isegrim gerissene Tiere zu beklagen und denkt deshalb schon ans Aufhören (die AZ berichtete). Für die Pflege der Deiche, des Grünlandes und damit auch für den Artenschutz ist die Beweidung durch Schafe aber unverzichtbar.

„Wir leben eben in einer Kulturlandschaft“, meint Arendsees Stadtrat Jens Reichardt, selbst Forstbesitzer und Nebenerwerbslandwirt. Das vertrage sich mit einer unkontrollierten Ausbreitung von Wölfen nicht. „Ich hätte selbst gern die Grünfläche hinter meinem Haus genutzt und dort Schafe oder Ziegen gehalten. Aber diese Idee habe ich wegen des Wolfes verworfen“, so Reichardt. Auch ist ihm der Wolf zu nah am Dorf. Erst vorgestern fand er ein gerissenes Wild nur 200 Meter von seinem Haus entfernt. „Im Umkreis von 250 Metern sind rund um Sanne viele Fußgänger und Hundehalter unterwegs“, sagt Reichardt. „Ich finde das bedenklich.“ Zwiegespalten ist Revierförster Lothar Büst in Bezug auf den Wolf: Einerseits helfe das Raubtier dem vom Klimawandel geschundenen Wald, indem es dazu beitrage, den hohen Bestand an Rot-, Dam- und Rehwild zu reduzieren. Denn zu den Leibspeisen dieser Tiere gehören neu gepflanzte Bäume und junge Triebe an den Ästen. Verschärfend schreibe das novellierte Bundesjagdgesetz seit Jahresende 2020 vor, dass die einheimischen Hauptbaumarten ohne Zaun aufwachsen können müssten. Andererseits sieht Büst eine schwindende Akzeptanz für das Raubtier bei der Landbevölkerung. Und auch die hohen Kosten, die für die Tierhalter entstünden, seien problematisch. Wie oft er Isegrim denn bei seinen Streifzügen durch die Wälder rund um Arendsee schon begegnet sei? „In den dreieinhalb Jahren meiner Arbeit hier noch nie“, berichtet der Waldhüter.

Ganz anders Daniela Tscherning, zweifache Mutter und Hundehalterin aus Harpe. Sie hat den Wolf schon des Öfteren ganz in der Nähe ihres Hauses am Rande einer Waldlichtung stehen sehen. Auch aus einem Maisfeld sei er ihr schon vors Auto gelaufen. Und in der Nacht höre sie die Wölfe manchmal heulen. Im vergangenen Frühjahr wollte sie mit ihren zwei Schweizer Sennhund-Mischlingen und ihren Kindern in den Wald. Doch der Förster kam vorbei und hielt sie an. Es sei ein Rudel Wölfe unterwegs, sie solle dort jetzt besser nicht spazieren gehen. Daniela Tscherning nahm eine andere Route. Wie sie sich bei einer Wolfsbegegnung verhalten würde? „Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt“, sagt sie. Aber der Wolf gehöre eben zur Natur. Klar gebe es ein gewisses Risiko - aber das bestünde auch beim Autofahren oder bei Wildschweinbegegnungen.

Umfassend untersucht wurde die Gefahr von Wolfsangriffen auf Menschen in der 2002 vom norwegischen Institut für Naturforschung (NINA) veröffentlichten Studie „The fear of wolves: A review of wolf attacks on humans“. Danach hat es in der Vergangenheit durchaus vereinzelte Angriffe - auch mit Todesfolge - gegeben. Seit 1950 sei in Europa jedoch kein einziger Mensch von einem Wolf getötet worden.

Kay-Uwe Landwers, Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft (FG) Priemern, beklagt, dass die Jäger nicht mehr so viel schießen würden. Das Wild hätte durch den Wolf sein Verhalten geändert und halte sich an anderen Orten auf als früher. Das berichtet auch Jens Reichardt: „Das Schalenwild steht jetzt stundenlang auf dem Acker, 250 Meter vom Waldrand entfernt. Jäger können vom Ansitz aus aber nur 100 bis 150 Meter weit schießen.“ In seinem Umfeld hätten sich einige Waidmänner schon ein anderes Hobby gesucht. Lothar Büst wünscht sich im Gegenteil mehr Kooperation der Jägerschaft. „Wir wären froh, wenn sich mehr Jäger am Wolfsmonitoring beteiligen könnten, um zukünftige Regulierungsmaßnahmen entscheiden zu können“, appelliert Büst. (VON BEATE ACHILLES)

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