Von Schwarzsauer bis Salmiakgeist

Marlies Büttner hat beim Aufräumen ein altes Merkbuch wiedergefunden

Marlies Büttner aus Lübbars hat beim Aufräumen ein altes Lehrlingsbuch aus den 40er-Jahren gefunden.
+
Marlies Büttner aus Lübbars hat beim Aufräumen ein altes Lehrlingsbuch aus den 40er-Jahren gefunden.
  • Jens Heymann
    vonJens Heymann
    schließen

Beim Aufräumen findet sich so manches. Auch Marlies Büttner aus Lübbars ist beim Aussortieren auf etwas gestoßen: auf ein altes Lehrlingsbuch.

Lübbars – Hildegard Franke führte dieses von Oktober 1942 bis Oktober 1943 in der ländlichen Hauswirtschaft von Thea Liebermann in Siedenlangenbeck. Franke hat darin über viele Seiten handschriftlich alles niedergeschrieben, was an Arbeit anfällt und vor allem wie sie erledigt wird. Dass dahinter eine Pflicht stand, bezeugt der Prüfungsvermerk am Ende des Buches vom 9. September 1943.

Marlies Büttner hat das Buch von vorne bis hinten durchgelesen, so interessant fand sie es. Wie vor rund 80 Jahren die Dinge angegangen wurden, eröffnet mitunter neue Perspektiven. Einige Gerichte habe die 69-Jährige nachgekocht, auch manche Putzmittel ausprobiert. Wobei: Fliegenschmutz an Fenstern mit Spiritus zu entfernen, würde sie nicht noch einmal machen – hat zu sehr gestunken. Mit Salmiakgeist gibt es noch eine Alternative.

Hildegard Franke, Jahrgang 1925 und aus Karritz stammend, schrieb in ihr Buch den Wunsch, Bäuerin zu werden. Ein halbes Jahr hatte sie nach Abschluss der fünften Klasse im elterlichen Betrieb gelernt, dann noch einmal sechs Monate in der Landwirtschaftsschule Stendal. Über einen Austausch verbrachte sie vor der Lehre in Siedenlangenbeck sogar einige Zeit in Ostpreußen.

Einen beträchtlichen Teil macht natürlich das Essen in allen Formen aus. Die angehende Bäuerin schrieb penibel auf, was es typischerweise in der Woche zu essen gab. Zum Mittag in den Sommermonaten beispielsweise: am Montag Brotsuppe, Kohlrabigemüse mit Fleischresten; dienstags Schweinebraten, Stippmilch und Erdbeeren; mittwochs Bohneneintopf und Vanillepudding; donnerstags Rhabarbermostsuppe, Schweinebraten; freitags Mandelsuppe, Sülze; sonnabends Erbseneintopf und am Sonntag Brühsuppe sowie Hähnchen.

Aber wie kam Marlies Büttner in den Besitz des Buches? Sie wohnte früher in Sallenthin bei einer Bäuerin, die mutmaßlich mit Hildegard Franke verwandt war. Stundenlang habe sie ihr zuhören können, erinnert sich die 69-Jährige. Die Bäuerin mochte gerne Schwarzsauer (Marlies Büttner übrigens nicht), dessen Herstellung ebenfalls im Merkbuch beschrieben wird. Früher sei eben alles verbraucht worden, so auch das Gänse- bzw. Entenblut, musste sich Marlies Büttner anhören. So bekam sie bei Gelegenheit das Schriftstück in die Hände gedrückt, um darin zu lesen – und konnte es der später verstorbenen Frau nicht mehr zurückgeben. Nun würde sie es gerne einem Museum überlassen.

Die 69-Jährige spricht über ihre eigenen Fähigkeiten selbstbewusst. Sie könne kochen (ohne Mikrowelle) und backen, meint die gelernte Konditorin. 43 Jahre habe sie im Schichtdienst gearbeitet, dabei unter anderem Baumkuchen hergestellt. Nun, im Rentendasein, beschäftige sie sich mit Stricken und Häkeln – und fühle sich „sauwohl“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare