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Künstlerin Nadja Engelbrecht hat die Altmark entdeckt

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Von: Jens Heymann

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Die Keramikkünstlerin Nadja Engelbrecht ist bei Arendsee heimisch geworden. Bis Ende der 90er-Jahre war sie als Schauspielerin tätig. © Heymann, Jens

Sie sagt von sich selbst, sie sei im Leben immer einen Tick zu früh oder zu spät für das gewesen, was sie wollte. Doch so hart braucht Nadja Engelbrecht gar nicht über sich zu urteilen. Denn es scheint, als habe ihr das Schicksal immer geholfen, wenn es darauf ankam. Seit rund einem Jahr lebt die Künstlerin in der Nähe von Arendsee.

Arendsee. Das mit dem ungünstigen Timing ging bei Nadja Engelbrecht schon bei der Geburt los. Sie fühlt sich als waschechte Berlinerin. Geboren wurde sie 1961 allerdings in Potsdam-Babelsberg. Zu früh gekommen, sagt sie selbst. Ihre Mutter, die bekannte DDR-Schauspielerin Karin Schröder („Geliebte weiße Maus“ und viele andere Filme) studierte dort. Immerhin: Mit dem 17. Juni, dem Tag des Volksaufstandes 1953, erhielt das Neugeborene ein markantes Berliner Datum als Merkmal.

Die Neu-Altmärkerin war in eine Schauspielerfamilie hineingeboren worden – da gab es keinen anderen Weg. Kollegen der Eltern seien bei ihnen damals ein und aus gegangen; mit ihrer Mutter habe sie zusammen Texte gelernt, blickt Nadja Engelbrecht zurück. Mit drei oder vier Jahren sei dann der unausweichliche Entschluss gefallen, ebenfalls Darstellerin zu werden. Viele Jahre später sei die Aufnahme für die Schauspielschule zwar anfangs holprig verlaufen, aber dann lief es, erinnert sich die 61-Jährige.

Auf der falschen Seite der Berliner Mauer

Die Schauspielerei, das ist trotzdem etwas, auf das Nadja Engelbrecht nicht mehr reduziert werden will. Ihre Filmografie endet bereits vor der Jahrtausendwende. Was sie ausfüllt, ist die interdisziplinäre Arbeit. Keramik, Ton, Licht, Musik, Fotografie, Malerei, Lesen und Schreiben. Das Verbinden verschiedener Künste sei wichtiger und größer als pure Schauspielerei.

Nicht zu früh oder zu spät, aber vielleicht doch auf der falschen Seite der Berliner Mauer zu sein, das spürte Nadja Engelbrecht zunehmend als Erwachsene. An den Weggang aus der DDR habe sie gedacht, als sie alt genug gewesen sei, um zu durchdringen, dass das ganze politische System auf Lügen aufgebaut war, blickt sie in eine recht turbulente Phase ihres Lebens zurück. Das habe sie an der Schauspielschule ganz klar begriffen.

Verkäuferin im Eisenwarenladen

Doch so einfach ließ der Arbeiter- und Bauernstadt seine jungen Bürger bekanntlich nicht gehen. Der Ausweg sollte 1982 ein Filmdreh ihres damaligen frisch angetrauten Ehemanns in Spanien sein. Der blieb tatsächlich im Westen; seine Frau geriet dadurch in den Schwitzkasten der staatlichen Organe.

„Subversives Element“ – diesen Begriff über sich hat sich Nadja Engelbrecht bis heute gemerkt. Die zwei folgenden Jahre dürften die zwei schwersten ihres Lebens gewesen sein. Sie flog von der Schauspielschule, nachdem klar war, dass sie ihre Familie schützen würde und beharrlich Anträge auf Familienzusammenführung stellte.

Plötzlich befand sich die Jungschauspielerin dort, wo sie sich eigentlich niemals sah. Nach Vermittlung durch das Ostberliner Arbeitsamt in einem Allerweltsjob als Verkäuferin in einem privaten Berliner Eisenwarenladen.

„Subversiv“ in der Provinz

Aber selbst in dieser Situation gab es zumindest künstlerisch einen Funken Hoffnung. Denn in der DDR war sie längst nicht die Einzige, die an die Ecken und Kanten des Systems gestoßen war. Der Ausweg war das zu Ostzeiten als ebenso subversiv geltende Theater im vorpommerschen Anklam. Der dortige Leiter, Frank Castorf, galt in der Obrigkeit als unbequem, die Provinz im Norden der DDR als sicherer Verwahrort. Der richtige Platz auch für Nadja Engelbrecht – zwei Rollen gelernt, vorgesprochen, sofort engagiert, fasst sie das Kennenlernen zusammen.

Im privaten Leben hielt sie sich bedeckt. Sie habe sich nichts zu Schulden kommen lassen, ihre Verbindlichkeiten beglichen und hatte nach wie vor die Sehnsucht nach der weiten Welt und Freiheit. In ihrer kleinen Berliner Wohnung standen die gepackten Koffer, erzählt sie.

Eingepackt war vieles zunächst auch in der Nähe von Arendsee. Einmal sind ihre Sachen schon innerhalb ihres Dorfes umgezogen. Als die ursprüngliche Hilfe ausblieb, halfen andere Altmärker – ihre „Liestener Garde“. Ein guter Beginn in der Region, die Nadja Engelbrecht erst gar nicht auf dem Schirm hatte.

Das Wendland, das kannte sie von früher. Dort wollte sie hin, aber trotz intensiver Suche habe sich nichts für ein kleines Budget finden lassen. Durch Corona seien die Preise in die Höhe geschossen. Wieder einmal zu spät für die Berlinerin. Dass auch die Altmark alle Träume verwirklichen kann, wurde ihr vor einem Jahr, im Sommer 2021, klar. Ein paar Stunden nach dem Sichten des Angebots im Internet war sie bereits zur Hausbesichtigung angereist.

Gang in den Westen durch „Tränenpalast“

Im Frühjahr 1984 änderte sich ihre Situation entscheidend. Die Abneigung zwischen Staat und Schauspielerin beruhte vermutlich mittlerweile auf Gegenseitigkeit. Man habe beschlossen, künftig auf sie zu verzichten, gibt Nadja Engelbrecht den Wortlaut von damals wieder. Was vorher lange dauerte, musste nun in kurzer Zeit erledigt werden. Am Ende schritt sie Mitte April mit den zwei alten, braunen Pappkoffern durch den „Tränenpalast“ am Bahnhof Friedrichstraße. West-Berlin, die andere Seite, war erreicht.

Rückblickend bezeichnet die Frau den Westteil der geteilten Stadt als „Warm-up“, als Aufwärmphase. Alles sei lockerer als in der DDR gewesen, die Leute duzten sich. Das habe sie genossen.

Was gar nicht mehr stimmte, war das Timing bezüglich ihrer Ehe. In einem Café habe sie ihren Mann nach zwei Jahren wiedergesehen. Der hatte sein eigenes Ding gemacht; er sei nicht mehr derselbe gewesen, handelt Nadja Engelbrecht dieses Kapitel schnell ab.

Dran festhalten brauchte sie auch gar nicht. Schon ein paar Wochen später habe sie, wie sie sagt, die Liebe ihres Lebens gesichtet – einen Medizinstudenten. Dieser sollte später als Arzt noch gehörigen Einfluss auf das weitere Leben haben.

Durchbruch mit der Komödie „Meier“

Beruflich hatte Nadja Engelbrecht im Westen wenig Anlaufschwierigkeiten. Übergesiedelte DDR-Schauspieler waren nichts Ungewöhnliches; an ihrem Handwerk gab es keine Zweifel. Festlegen wollte sich die damalige Mittzwanzigerin aber nicht. Dies mache schließlich die Vielfalt des Berufs aus, sagt sie. Dass sie 1986 mit der weiblichen Hauptrolle in der Peter-Timm-Komödie „Meier“ den Durchbruch schaffte, ist eine Lebensironie. Denn in dem Film spielt sie eine systemtreue DDR-Arbeiterin.

Ebenso ironisch war im vergangenen Jahr ihre Haussuche ausgerechnet in Spanien als Plan B, nachdem es mit dem Wendland nichts werden wollte. Die Iberer seien aber nicht ihr Volk; sie wolle lieber in der Heimat bleiben. Der Entschluss für das Land sei außerdem unterschiedlicher Vorstellungen über das weitere Leben mit ihrem Mann entsprungen, erklärt Nadja Engelbrecht die Hintergründe. Die Familie ist trotz allem intakt. Was nicht minder bemerkenswert ist: dass einer Vollblutberlinerin eines Tages die hauptstädtische Rastlosigkeit zu viel werden würde.

Viel Arbeit und die Wende 1989

Die Karriere des zweiten Ehemanns bestimmte in den 80er- und 90er-Jahren zunehmend den Weg der Schauspielerin. Nach „Meier“ gab es keinen Mangel an Arbeit, auch wenn nicht alles befriedigend gewesen sei. Bei Film und Fernsehen sei man schnell zufrieden gewesen, meint Nadja Engelbrecht. Texte lernen, fertig. „Lauwarmes Mittelmaß“, sagt sie dazu. Echtes Handwerk gab es hingegen auf der Bühne, beispielsweise in Köln. Schauspielerin blieb sie bis 1998; dann ging es für fast drei Jahre ins Ausland. Nach ihrer Rückkehr stellte sie fest, dass sich ihr Interesse an Schauspielberuf verschoben hatte.

Etwas anderes hatte da längst den ersten Platz eingenommen, nämlich die Entdeckung der Erde. Es war nicht Frankreich, wie sich das Nadja Engelbrecht immer gedacht hatte, sondern Großbritannien und später zweimal Neuseeland. In allen Fällen hing es mit der Karriere des Mannes zusammen, der in den Ländern als Arzt tätig war. Bei den Briten verpasste die Berlinerin übrigens 1989 auch das historisch wichtigste Ereignis der jüngeren Stadtgeschichte, nämlich den Mauerfall. Sie kamen zurück, und alles sei anders gewesen.

Am anderen Ende der Welt

Ihr Mann entwickelte unterdessen eine unüberbrückbare Sehnsucht nach Neuseeland, nachdem ein Kollege von seinen Erfahrungen dort berichtet hatte. Nadja Engelbrecht war davon zunächst wenig angetan – damals noch als Schauspielerin lebte sie von der Sprache. Am Ende der Welt glaubte sie, den Anschluss zu verlieren. Am Ende sagte sie dennoch Ja zum Weggang. Eine entscheidende Zusage.

In Neuseeland, 1998 bis 2000, ließ sie sich zunächst auf die einheimische Maori-Kultur ein, stieß nach einiger Zeit über Schafe, Wolle und das Spinnen auf eine Töpferei. Sie habe begriffen, dass die Erde etwas „ganz Lebendiges“ sei, sagt die Künstlerin nicht nur mit Verweis auf drei erlebte Erdbeben.

Zweite Karriere als Keramikkünstlerin

Die Rückkehr nach Deutschland fiel ihr nicht leicht. Aber ein Stück aus der fernen Welt blieb doch hängen – statt Schauspielerei nun Ton. „Geübt, geübt, geübt“, habe sie in Berlin, anschließend drei Jahre an der Fachschule in Höhr-Grenzhausen in Rheinland-Pfalz, und 2004 den Abschluss zur Keramikgestalterin gemacht. Ungeheuer fordernd sei es gewesen. War es sonst immer der Ehemann, dessen Karriere die Familie an andere Orte brachte, so setzte dieses Mal Nadja Engelbrecht Wunsch und Willen durch.

Im Jahr 2006 ging es tatsächlich noch mal nach Neuseeland zurück, wieder für drei Jahre. Für die mittlerweile versierte Keramikkünstlerin gab es kein Suchen mehr nach einer Leidenschaft. Die brachte sie mit ins Land. Dort habe sie alles angewendet, die Basis für ihr Schaffen gelegt, blickt sie auf diese Zeit zurück. Sie sei bei ihrer Arbeit immer auf der Suche nach Ausdruck, und dieser müsse präzise sein. Ihre Skulpturen und Plastiken fanden damals in Neuseeland Beachtung und internationale Käufer, sagt sie.

Aus der Enge Berlins in die weite Altmark

Wieder zurück in der Enge der deutschen Hauptstadt verfolgte Nadja Engelbrecht diesen Pfad weiter. Die eigens gegründete Werkstatt mit Galerie wurde zur Anlaufstelle von Künstlern und Freunden. Nach einem Burnout 2012 ließ sie es in einem neuen Atelier ruhiger angehen. Irgendwann stand der Entschluss fest, auf das Land zu ziehen und das Neuseeland-Leben hierzulande zu haben.

„Eine schöne Mischung von Menschen“, sagt die Frau über das benachbarte Wendland. Politik und Kunst wechseln sich dort gerne ab. Doch das kann die Altmark mittlerweile auch gut. Der „Kulturellen Landpartie“ wird „Wagen & Winnen“ entgegengesetzt. Künstler gibt es in vielen Orten. Nadja Engelbrecht wird neugierig bei diesen ganzen Informationen.

Wenn sie das Herrichten ihres Hauses geschafft hat, wenn Handwerker und Baustellen nicht mehr den Alltag bestimmen, dann soll das Künstlerische wieder zum Lebensinhalt werden. Es fällt nicht schwer zu glauben, dass sie dann Teil der hiesigen Kulturszene wird und ihren neuen Wohnort in die Köpfe neugieriger Zeitgenossen bringt. Nadja Engelbrecht spricht von kleinen Events, die sie eines Tages selbst veranstalten wolle.

Der Lebensrhythmus führte sie zwar nicht an den Ort, an den sie vielleicht gedacht hatte – aber die Altmark ist inzwischen keine Alternative mehr, sondern ihre erste Wahl, betont Nadja Engelbrecht. Manchmal zeigt sich das richtige Timing erst auf den zweiten Blick.

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