Die AZ blickte einigen Teilnehmern der Deutschen Vereinsmeisterschaft im Schach über die Schulter und in die Köpfe

Kampf der Kinder im KiEZ

Cedric von Angern (r.) in seiner Partie gegen Julian Rieper aus Kiel. Der Magdeburger verlor diesen Vergleich. Der Gegner spielte eine seltene Eröffnung und zwang ihn zu Fehlern. Auch die am Ende knapp gewordene Spielzeit saß dem Zwölfjährigen im Nacken. Die Sachsen-Anhaltiner verloren alle vier Partien. Fotos (3): Heymann

Arendsee. Cedric von Angern hat nicht mehr viel Zeit. Nur noch sechs Minuten zeigt die Schachuhr an. Der Zwölfjährige von der SG Aufbau Elbe Magdeburg bleibt trotzdem ruhig.

So ruhig ein Schachspieler in dieser Phase der Deutschen Vereinsmeisterschaften der Altersklasse U12 im Arendseer Kinder- und Jugenderholungszentrum (KiEZ) bleiben kann.

Sein Gegner hat dagegen noch viel Zeit auf der Uhr. Mehr als eine halbe Stunde. Wessen Zeit abgelaufen ist, der hat verloren. Wie im echten Leben.

„Ich überlege am Anfang der Partie länger“, erzählt Cedric später. Er habe nie viel Zeit. Vor allem denkt er an den einen Fehler. Sein Gegner zwang ihn in eine so genannte Gabel. Cedric musste seine Dame schützen und verlor eine höherwertige Figur, ohne etwas dagegen tun zu können.

Nun zittern seine Hände. Mit seinem rechten Fuß wippt er nervös. Kurz blickt er zum Gegner, um vielleicht eine Gefühlsregung zu erhaschen.

Doch der bleibt ruhig, beinahe emotionslos, wenngleich so wie Cedric mit rotem Kopf. Stundenlange Konzentration hinterlässt auch bei Schachspielern physische Spuren.

Julian Rieper, so der Name des ebenfalls zwölfjährigen Kontrahenten, ist der Topspieler des Schachklub Doppelbauer Kiel. Für Cedric, der beste Spieler seines Magdeburger Teams, eine harte Nuss.

Immer wieder steht der Kieler während der Partie auf und schaut sich an den Nachbartischen um. Fast so, als wolle er Cedric mit dessen Zeitproblem allein lassen. Das nerve, sei aber in Spielerkreisen nichts Ungewöhnliches, sagen Cedric und sein Trainer Johannes Paul.

Dieser, Cedrics Vater Michel Redlich, eigentlich Zahnarzt, aber heute nur für seinen Sohn da, sowie Thomas Rößler, Vater von Cedrics Teamkameraden Linus, sind etwas entfernt und beobachten die Partie. Im Mittelgang stehen zahlreiche Eltern, Familienangehörige und Trainer. Einige bewegen sich minutenlang nicht und starren nur. Und obwohl niemand etwas sagt, herrscht eine große Unruhe in diesem Raum des Arendseer KiEZ.

Trainer Paul hat alle vier Bretter im Blick. Je nach Spielstand gibt er die Strategie vor. Pro Sieg gibt es im Schach einen Punkt. Ein Remis bringt einen halben Punkt. Bei vier Partien benötigt ein Team also 2,5 Punkte für den Sieg. Liegt Magdeburg vorne, reicht unter Umständen ein Remis, liegen die Elbestädter hinten, muss der Gegner attackiert werden.

Neben Cedric, der am ersten Brett sitzt, also als nominell bester Spieler, gehören noch Linus Rößler (Brett 2), Tobias Wagner (Brett 3) und Marti Wolff (Brett 4) zum Magdeburger Team. Außer Marti, als Schnellspieler bekannt, sitzen noch alle an ihren Partien. Linus, so sagt Tobias ironisch, spiele immer so langweilig, dass der Gegner einschläft.

Cedric hat noch knapp fünf Minuten auf der Uhr. Eine Stunde und fünfzehn Minuten waren es zu Beginn des Spiels gewesen. Bei 40 Zügen gibt es eine Gnadenfrist von weiteren 15 Minuten und pro Zug noch einmal 30 Sekunden. „Fürs Aufschreiben“, so der Magdeburger. Jede Bewegung auf dem Brett wird akribisch notiert.

Er überlegt seinen nächsten Zug. Sein Kontrahent ist mal wieder woanders unterwegs. Der Zwölfjährige nimmt seinen Springer und setzt ihn. Dabei stößt er einen Bauern um.

Die jungen Magdeburger sind bereits seit Jahren aktiv beim Schach dabei. Ein Kurs in der Grundschule war erster Kontakt, später folgte der Verein. Bei den „Schachzwergen“, so heißt eine 320 Kinder starke Nachwuchsvereinigung in der Landeshauptstadt, fangen sogar schon Dreijährige an.

Für Cedric gab es in der Schule bald keine Konkurrenz mehr. „Spätestens in der dritten Klasse wurde es langweilig“, erinnert er sich. Die Mitschüler waren zu schlecht. Einen echten Schachhintergrund habe er nicht, so Vater Michel Redlich. Die anderen Teammitglieder lernten das Spiel vom Vater oder im Falle von Tobias, vom Freund der Babysitterin.

Gegner Julian aus Kiel ist nicht schlecht. Er attackiert die weißen Figuren mit seinem Turm. Nach einigen Zügen bleiben nur noch Bauern und der jeweilige König übrig. Das Endspiel hat begonnen und für Cedric mittlerweile die letzte Gnadenfrist von 15 Minuten.

Für den Magdeburger sowie Linus, Tobias und Marti ist es die erste Deutsche Vereinsmeisterschaft. Unerfahren sind sie dennoch nicht. Einzel- und Schulwettbewerbe haben sie alle schon auf hohem Niveau gespielt. In Arendsee wollen sie in die Top-Ten. 18 Mannschaften nehmen am Turnier teil.

Die Erwartungen haben die Landeshauptstädter bislang nicht erfüllen können. Statt acht Punkten stehen nur drei auf dem Konto. Trainer Johannes Paul hofft auf die letzten Partien. Die nächste folgt schon am Nachmittag.

Für die Kinder ist diese die schwierigere. Wer nach einem mitunter stundenlangen ersten Spiel am Ende doch verliert, ist erschöpft und verliert manchmal auch die Fassung.

„Nach einem Sieg bin ich zufrieden“, meint Cedric in Hinblick auf lange Spiele. „Nach einer Niederlage depressiv.“ Geweint habe schon jeder der Kinder, so die Erwachsenen.

Im Endspiel hat Cedric die schlechteren Karten. Gegner Julian aus Kiel besitzt mehr Figuren und die kompaktere Formation. Und mehr Zeit.

An der Vorbereitung lag es sicher nicht. Johannes Paul analysiert die Gegner mittels Datenbank und bereitet seine Schützlinge auf die erwartete Taktik des Gegners vor. Nach der Partie folgt noch eine Auswertung.

Kontrahent Julian aus Kiel spielte eine französische Eröffnung. „Da hatte ich die Theorie nicht im Kopf“, gesteht Cedric später. Sein Gegner sei nicht stärker als er. Oftmals entscheide die Tagesform. An diesem Tag ist es Cedric, der am Ende die Waffen strecken muss.

Von Jens Heymann

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