AZ besuchte Elfriede Schröder im Pflegeheim an der Amtsfreiheit

Mit 95 Jahren ist sie noch für andere da

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Hannelore Wilhelms (r., 68) aus Arendsee besuchte gestern ihre Mutter Elfriede Schröder im Pflegeheim an der Amtsfreiheit. Die Seniorin wird heute 95. Sie ist selbst noch Ansprechpartnerin für Heimbewohner, die manchmal Trost suchen.

Arendsee. Heute auf den Tag genau wird Elfriede Schröder 95. Eine betagte, aber sehr taffe Dame, die im Gespräch mit der AZ so viel aus ihrem Leben preisgab, dass der AZ-Redakteur gern zuhörte.

Das Leben ihrer Familie spielte sich in Magdeburg ab, vor sechs Jahren holte sie ihre Tochter Hannelore Wilhelms nach Arendsee. Im Roten Block an der Ackerstraße bezog sie ihr neues Zuhause. „Ich hatte kein Problem, aus Magdeburg Nord nach Arendsee zu ziehen. Ein Teil meiner Familie ist hier, ich fühle mich wohl“, sagte sie gestern. Doch im Roten Block wohnt sie nicht mehr. Vor einem Jahr bezog sie ihr Zimmer im Pflegeheim Arendsee. War das ein Problem für sie? „Nein“, sagte die Seniorin, die einst mit behinderten Menschen arbeitete. Weil sie zu Hause nicht mehr klar kam und auch die Tochter gesundheitlich angeschlagen den Job nicht übernehmen konnte, wurde das Pflegeheim ihr neues Zuhause. „Es ist angenehm hier“, so die 95-Jährige. Im Heimbeirat sei sie aktiv, und in der Küchenkommission. „Wir entscheiden mit über das Essen“, sagt sie. Und sie verrät, dass Spinat mit Ei und auch Lose Wurst sehr beliebt bei den Heimbewohnern seien.

Die Frau hat viel Elan. Morgens nach dem Frühstück liest sie die Tageszeitung. Und die bunten Zeitschriften mit den Geschichten der Reichen und Schönen. „Ich muss mich informieren, um fit zu bleiben“, sagt die rüstige Frau, die am Rollator noch gut bei Fuß ist.

Geraucht habe sie nie und Alkohol nur in geringen Maßen genossen. „Gesund leben ist wichtig. Ich esse kaum Fleisch, nur Kartoffeln mit viel Gemüse und Soße. Und Schokolade gar nicht, das ist Zeug für die Kinder“, erfährt die AZ.

Plötzlich erzählt sie auch von den dunklen Seiten, die sie erleben musste. So den Bombenangriff auf Magdeburg. „Wir haben alles verloren, aber wir haben uns gehabt“, ist sie heute noch froh. Ihr Mann kam mit nur einem Bein aus dem Krieg zurück. 1986 sei er gestorben, habe nie geklagt, obwohl er in der DDR erleben musste, dass er als einstiger Offizier dem Staat ein Dorn im Auge war. Ein Kind war ihr gestorben, Freude bringen ihr eine Tochter, ein Sohn, zwei Enkelkinder und vier Urenkel.

Heute wird gefeiert. Die Damen, mit denen sie einst im Roten Block Karten gespielt hat, werden kommen. In Kläden wird gefeiert. Während sie erzählt, schaut eine Angestellte vorbei. Sie will sehen, wer mit der alten Dame spricht. „Die Leute hier sind so nett. Sie machen alles möglich, hier fehlt es an nichts“, sagt Elfriede Schröder. Mit ihren 95 Jahren ist sie selbst noch Ansprechpartnerin für Heimbewohner, die traurig sind. Sie spricht ihnen Mut zu – diese Tatsache beeindruckt den AZ-Redakteur sehr.

Vielleicht sieht man sich zum 100. Geburtstag wieder, sagt die einstige Magdeburgerin. Sie hat Hoffnung: Ihre Mutter wurde 102. „Vielleicht habe ich die Gene. Ich hätte nichts dagegen“, meint sie.

Mit dem Rollator gehts nach unten. Das Foto wird draußen gemacht, mit Tochter Hannelore. Dann sagt sie „Tschüss“, winkt noch mal. Für einen Moment erzählt sie mit anderen Bewohnern, genießt ihr Leben. Ohne Groll auf irgendetwas. Und das Heim organisiert im Juni die Quartals-Geburtstagsfeier für alle Geburtstagskinder.

Von Harry Güssefeld

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