Narkosepflicht bei Kastration

Ferkel der Arendseer Schweinemäster werden mit Gas betäubt

Ferkel in Isofluran-Narkosegerät
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Kastration nur noch mit Betäubung: Ferkel in Isofluran-Narkosegerät
  • vonBeate Achilles
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Damit das Fleisch von jungen Ebern während der Mast keinen unangenehmen Geschmack entwickelt, werden die meisten männlichen Ferkel in Deutschland kastriert. Bislang war die Praxis weit verbreitet, diesen Eingriff ohne Betäubung vorzunehmen. Seit dem 1. Januar 2021 ist das aus Tierschutzgründen nicht mehr erlaubt.

Laut Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) stehen den Schweinehaltern für die Kastration nun drei Methoden zur Verfügung: Die Narkose per Spritze (Injektionsnarkose), die Kastration mit einer Betäubung durch das Narkosegas Isofluran und ein zusätzliches Schmerzmittel sowie die Impfung mit dem Mittel „Improvac“, das die Bildung von Ebergeruch verhindert. Die AZ hat bei den Arendseer Schweinemastbetrieben nachgefragt, wie sie die neue Gesetzeslage in der Praxis umsetzen.

Betäubung mit Narkosegas

Bio-Schweinemäster Andreas Goedecke in Kläden muss den Eingriff nicht selbst vornehmen: „Wir bekommen unsere Ferkel bereits kastriert angeliefert“, sagte er auf Nachfrage der AZ. Der Lieferant, ein Bio-Ferkelzüchter aus Norddeutschland, betäubt die Ferkel mit dem Narkosegas, wie die AZ erfuhr.

In der Schweinemastanlage in Binde wird nach Auskunft des Betreibers, der LFD Holding, ebenfalls mit Isofluran betäubt. Die Anlage beherbergt laut Heidrun Spengler-Knappe von der Geschäftsleitung aktuell rund 6 000 Sauen. Jährlich würden diese Tiere rund 90 000 männliche Ferkel gebären, die dort nun bei der Kastration betäubt werden müssten. Um die neuen Gesetzesvorgaben umzusetzen, seien in Binde Mitarbeiter theoretisch und praktisch geschult sowie mehrere Narkosegeräte angeschafft worden, wie Heidrun Spengler-Knappe erläutert. Für die Kastration würden die Ferkel immer 30 Minuten vor dem Eingriff abteilweise eingesammelt und in Kisten sortiert, beschreibt sie den Prozess. In jedem Abteil lägen immer mehrere Muttertiere in Einzelbuchten. In der Kiste werde den Ferkeln zunächst ein Schmerzmittel nach Vorgabe des Bestandstierarztes verabreicht.

Schon nach 2 Minuten wieder wach

Anschließend kämen immer vier Ferkel gleichzeitig in das Narkosegerät. Innerhalb von 60 Sekunden seien die Tiere durch das einströmende Narkosegas betäubt. Das werde zusätzlich manuell überprüft. Nach dem Kastrieren werde die Wunde desinfiziert und mit Aluminiumspray versorgt. Ein Pflaster oder Verband komme nicht zum Einsatz, denn es handle sich nur „um einen ganz kleinen Schnitt.“ Bereits zwei Minuten später seien die Tiere wieder wach. Ein Besuch der Schweinmastanlage in Binde war der AZ nicht möglich. Die Betreiber begründeten das mit der Seuchengefahr der Afrikanischen Schweinepest.

Höherer Preis für Schweinefleisch schwer durchzusetzen

Durch das Betäubungsverfahren entstehen den deutschen Schweinemastbetrieben Mehrkosten. Wie hoch sie genau sind, könne man erst nach einigen Monaten sagen, meint Heidrun Spengler-Knappe.

Noch müsse sich zeigen, wie hoch der Verschleiß an den Geräten sei und wie viel dieses Vorgehen insgesamt koste. Der Bio-Ferkelzüchter aus Norddeutschland geht indes von etwa fünf Euro pro Ferkel aus.

Ob dadurch jetzt das Schweinefleisch teurer wird, wollte die AZ wissen. „Über den Markt können wir die Mehrkosten derzeit nicht reinholen“, meint Heidrun Spengler-Knappe. In diesem Punkt ist sie mit dem Bio-Ferkelzüchter einer Meinung. „Hinterher wird sich zeigen, wie weit der Verbraucher bereit ist, für mehr Tierwohl auch zu bezahlen“, ergänzt LFD-Pressesprecher Beke-Bramkamp. Einem großen deutschen Lebensmitteldiscounter sei es nicht gelungen, für eine bessere Tierhaltung einen höheren Preis durchzusetzen.

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