Fachleute warnen: zu viel Phosphor

+
Claus Fahlbusch (stehend) nahm Stellung zu den Untersuchungen am Arendsee. So wurde festgestellt, das etwa die Hälfte des Phosphors über das Grundwasser in den Arendsee gelangt.

Arendsee - Von Christian Ziems . Wer auf klare Aussagen bezüglich dem Beginn und der Kosten einer möglichen Seesanierung gehofft hatte, wurde am Sonnabend enttäuscht. Die Fachleute hielten sich während der Frühjahrstagung der Arbeitsgemeinschaft „Der Arendsee“ diesbezüglich merklich zurück. Eigentlich sollte die „blaue Perle“ nach der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie bis 2015 in einen guten Zustand versetzt werden. Doch das Land hat als Eigentümer bereits eine Fristverlängerung bis 2027 beantragt. Nach den wissenschaftlichen Gesichtpunkten wird der ökologische Zustand des Sees derzeit mit der Note „unbefriedigend“ bewertet. Dies soll sich ändern.

Zustand bis 2027 deutlich verbessern

Als Hauptursache wird der hohe Phosporgehalt und die damit verbundene Vermehrung der Blaualge gesehen. Um den Problemen auf den Grund zu gehen, gab es in den vergangenen Jahren ein Reihe von Untersuchungen. Über die Ergebnisse informierten Claus Fahlbusch (Landesverwaltungsamt) und Friedemann Gohr (Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft). So gibt es nun eine Antwort auf die Frage: Warum nimmt der Phosphor, der Nahrungsgrundlage für die Blaualge ist, weiter zu, obwohl die Anzahl der Wildgänse abnimmt? Der Kot dieser Tiere wurde bisher als eine der Hauptursachen gesehen. Doch das größte Problem kommt scheinbar nicht von oben sondern von unten. Wie Proben aus extra gebohrten Brunnen ergaben, gelangen über das Grundwasser jährlich rund 1000 Kilogramm Phosphor in den Arendsee. Dies ist die Hälfte des Gesamteintrages. Zum Vergleich: Durch die Wildgänse sollen es höchstes 500 Kilogramm sein. Weitere Eintragspfade sind zum Beispiel die überirdischen Zuflüsse (170 Kilogramm). Insgesamt gelangt derzeit jährlich eine Menge von rund zwei Tonnen in das Wasser. Der See kann aber nur knapp die Hälfte abbauen. Inzwischen haben sich etwa 25 Tonnen angesammelt.

Nun sind weitere Untersuchungen geplant. Dabei steht das Grundwasser im Mittelpunkt. So wurden in einem Brunnen, der sich am See nahe der Steinbrücke befindet, sehr hohe Phosphorwerte ermittelt. Die Experten sind sich noch nicht ganz sicher, wie dies möglich ist. Ursache könnten unter anderem undichte Kanalschächte sein. Um diese Frage zu klären, plant der Wasserverband Stendal / Osterburg eine detaillierte Untersuchung des kompletten Kanalsystems im Luftkurort. Außerdem wurde am Sonnabend dazu aufgerufen, Brunnen in Gärten überprüfen zu lassen. Dies würde bei der Lokalisierung von Phosphoreinträgen helfen.

Kanalsystem in Arendsee prüfen

Die Verminderung des Phosphorgehaltes sei laut Experten wichtig für den Erhalt des ökologisches Gleichgewichts. Doch selbst wenn dies in naher Zukunft gelingt, dauert es 15 bis 20 Jahre, bis eine Besserung sichtbar wird. Der Sauerstoffgehalt wird ebenfalls kritisch gesehen. Die Experten befürchten, dass der vorhandene Fischbestand ab 2015 immer weiter sinken könnte.

Um kurzfristig einzugreifen, wurde am Sonnabend von den Referenen die Fällung von Nährstoffen favorisiert. Dabei müsste Polyaluminiumchlorid von Pontons aus auf dem See verteilt werden. Dieses soll den Phosphor binden und nach unten sinken. Das Gemisch lagert sich dauerhaft im Seeboden ab. Für den Arendsee wären rund 6 500 Tonnen des Mittels nötig. Diese könnten innerhalb von einigen Monaten außerhalb der Badesaison oder in Abschnitten über zwölf Jahre hinweg verteilt werden. Doch die chemische Variante löst auch Ängste in der Bevölkerung aus. Diese versuchte Friedemann Gohr zu mindern. So sei Polyaluminiumchlorid ein Mittel, das unter anderem bei der streng kontrollierten Aufbereitung von Trinkwasser verwendet wird.

Skepsis bei chemischer Variante

Doch nicht alle Anwesenden ließen sich von der chemischen Variante überzeugen. Sie plädierten für natürliche Vorhaben. Bereits ausprobierte Projekte wie Tiefenwasserableitung und Seekreideaufspülung wurden angesprochen. Die Experten schätzen diese Varianten aber als zu ineffektiv und zu teuer ein. Um keinen Graben zwischen Fachleuten und Einheimischen aufkommen zu lassen, möchte die Arbeitsgemeinschaft noch stärker als Bindeglied fungieren. Wie der Vorsitzende Gert Reckling unterstrich, soll es demnächst weitere öffentliche Veranstaltungen zu diesem Thema geben.

Zuvor wurde am Sonnabend versucht, mit Vorurteilen aufzuräumen. „Das mit der Alge war schon immer so“, wird von einigen Einwohnern vertreten. Dies wollte Dr. Helmut Rönicke (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung) nicht so stehen lassen. Er verwies auf erste Untersuchungen 1899, bei denen nur eine geringe Anzahl von Blaualgen registriert wurden. Auch in den 1920er Jahren war dies so. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde ein Anstieg ermittelt. Bis hin zur Einschätzung, dass die Blaualge inzwischen den Arendsee dominiert.

Dr. Michael Hupfer (Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei) unterstrich während seines Vortrages: „Der Arendsee: Schon lange ein schwieriger Patient.“ Er präsentierte ein Dokument aus DDR-Zeiten. „Das Gewässer ist durch den Einfluss organischer Abwässer der Stadt Arendsee gealtert“, heißt es in einem Bericht von 1951. Dr. Michael Hupfer fasste seine Einschätzungen abschließend mit klaren Worten zusammen.

Der Arendsee als schwieriger Patient

„Statt zur Selbstreinigung kommt es zur Selbsvergiftung. Schnell wirkende Maßnahmen müssen am Wasserkörper ansetzen. Die Phosphor-Fällung ist alternativlos“, machte der Wissenschaftler während der informativen Fachtagung deutlich. Außerdem warnte er vor einem Abwarten, das sich in weiteren Badeverboten auswirken könnte. Die Blaualge kann bei einer Massenentwicklung nachweislich gesundheitsschädigend wirken. So führen in solchen Phasen bei Kleinkindern etwa ein Liter eingenommenes Wasser bereits zu Risiken. Im vergangenen Jahr gab es keine Verbote. Auch dies wurde begründet: So hätte sich die Blaualge erst nach der Badesaison fast unbemerkt entwickelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare