1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Arendsee

Bombenentschärfung in Arendsee: Warten auf die erlösende Nachricht

Erstellt:

Von: Jens Heymann

Kommentare

Ruth Eggert (l.) aus der Kleinen Straße und Ilse Schlosser von der Ackerstraße harrten im „Haus des Gastes“ aus. Viele Senioren und ein paar Jüngere wurden dort versorgt.
Ruth Eggert (l.) aus der Kleinen Straße und Ilse Schlosser von der Ackerstraße harrten im „Haus des Gastes“ aus. Viele Senioren und ein paar Jüngere wurden dort versorgt. © Heymann, Jens

Manche Einwohner von Arendsee dürften in der Nacht von Montag zu Dienstag unruhig geschlafen haben. Nicht nur, dass offenbar jahrzehntelang eine alliierte Fliegerbombe im seichten Uferwasser des Arendsees lag – durch die nun angesetzte Entschärfung stand fest, dass schätzungsweise jeder dritte Einwohner der Stadt, zirka 800 Personen, das Haus oder die Wohnung am Morgen aus Sicherheitsgründen verlassen musste. Der Abstand zur Bombe sollte mindestens 500 Meter betragen.

Arendsee – Um dies zu ermöglichen, stimmten sich bereits am Montag die beteiligten Einsatzkräfte miteinander ab. In den betroffenen Straßen gingen Feuerwehrleute von Haus zu Haus, um die Bewohner über die Evakuierung in Kenntnis zu setzen. Der Schulunterricht fiel aus, auch das Rathaus war leer. Damit keine Schaulustigen sich der Bombe nähern, wurde die Stelle gesperrt und über Nacht bewacht. Ein paar Jugendliche hätten tatsächlich dorthin gewollt, teilte Arendsees Bürgermeister Norman Klebe mit.

Der Fundort der Fliegerbombe am Seeufer. Das Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg kam aufgrund des Niedrigwassers zum Vorschein.
Der Fundort der Fliegerbombe am Seeufer. Das Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg kam aufgrund des Niedrigwassers zum Vorschein. © Heymann, Jens

Aus der Einsatzzentrale im Feuerwehrgerätehaus am Dessauer Worth wurde seit dem Morgen die Bombenentschärfung koordiniert. Ein Beamer projizierte die aktuellen Statusmeldungen an eine Wand – 9.40 Uhr: Friedensstraße geräumt. 10 Uhr: Noch fünf Haushalte fehlen. 10.20 Uhr: 36 Einwohner im „Haus des Gastes“ untergekommen, sieben im Kinder- und Jugenderholungszentrum. Dann 10.33 Uhr: Freigabe für die Entschärfung.

Danach kehrte unter den Leuten eine gewisse Ruhe ein. Nun lag es in den Händen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Mancher ging zum Rauchen oder aß etwas; alle warteten auf die erlösende Nachricht.

Im Stabsraum in der Einsatzzentrale der Feuerwehr am Dessauer Worth – von dort wurde koordiniert, und dort liefen alle Informationen zusammen.
Im Stabsraum in der Einsatzzentrale der Feuerwehr am Dessauer Worth – von dort wurde koordiniert, und dort liefen alle Informationen zusammen. © Heymann, Jens

Davon bekamen die von der Evakuierung betroffenen Menschen nichts mit. Nach und nach hatten sich einige Dutzend im „Haus des Gastes“ eingefunden – viele Senioren, wenige Kinder. Die Volkssolidarität nebenan kochte Kaffee für die Menschen, auf Kosten der Stadt, wie ihnen versichert wurde. Der Seniorenbeauftragte von Arendsee, Jörg Fuchs, verteilte das schwarze Getränk.

Mit wachsamen Augen schaute Roger Schmid von der Notfallseelsorge des Altmarkkreises auf die Anwesenden. Eine Bombenentschärfung sei auch für ihn etwas Besonderes. Die Senioren plauderten meist miteinander – für den Seelsorger eine entspannte Situation.

Niemand durfte mehr hinein: Ordnungsamt und Polizei sorgten dafür, dass die gesperrten Straßen (Foto von der Friedensstraße) frei von Unbefugten blieben.
Niemand durfte mehr hinein: Ordnungsamt und Polizei sorgten dafür, dass die gesperrten Straßen (Foto von der Friedensstraße) frei von Unbefugten blieben. © Heymann, Jens

An einem der Tische saßen Ruth Eggert und Ilse Schlosser. Beide mussten ihre Häuser verlassen – die eine kam aus der Kleinen Straße, die anderer von der Ackerstraße. „Man denkt immer, das ist so weit weg“, meinte Ilse Schlosser und fragte sich, wie eine Fliegerbombe nach Arendsee gekommen sei. Angst habe sie nicht, aber so ganz wohl sei ihr bei der Sache auch nicht. Ruth Eggert formulierte ihre Situation pragmatischer: Solange sie sitze, gehe es. Laufen und Gehen fielen ihr dagegen schwer.

Zurück zur Einsatzzentrale im Gerätehaus: Bereits gegen 11.15 Uhr war die erlösende Nachricht da – der Kampfmittelbeseitigungsdienst hatte ganze und vor allem schnelle Arbeit geleistet. Die Straßen wurden aber noch nicht gleich freigegeben; erst musste noch ein zweites gemeldetes Objekt (ein Stein) überprüft werden. Mit der Polizei fuhr die AZ anschließend zum Bombenfundort. Auf dem Rückweg war die Stadt wieder voller Passanten.

Auch interessant

Kommentare