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Geothermieprojekt in Arendsee – Die verschlafene Chance

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Von: Detlef Güssefeld

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Eine Hand hält eine kleine, mit einem handgeschriebenen Etikett versehene Bügelflasche mit lokal abgefülltem Heilwasser ins Bild.
Ein Marketing-Gag, mehr nicht: Das Thema Thermalwasser schürte in Arendsee Hoffnungen, die bislang aber allesamt unerfüllt blieben. © Harry Güssefeld

Schon zu DDR-Zeiten war bekannt, dass im Boden unter Arendsee und Kläden Thermalwasser schlummert. Als 1999 werbewirksam das Wasser an die Oberfläche geholt wurde und Mädchen aus Arendsee sogar darin badeten, war eine Euphorie entstanden. Das, so hieß es damals, sei der Beginn einer neuen Ära.

Arendsee – Um zu verstehen, worum es geht, wurde immer die balneologische Wirkung des Wassers hervorgehoben. Also die medizinische Wirkung, gegen schmerzende Gelenke beispielsweise. An der damals neuen Mutter-Kind-Klinik sollte Arendseer Thermalwasser bald genutzt werden. Doch daraus wurde nichts. Auch nicht aus den Ideen, ein Thermalbad zu bauen oder die Stadt mit Wärme aus der Erde zu beheizen. Wenn nach dem Grund gefragt wurde, dann waren es das fehlende Geld und die fehlenden Investoren. Andere Region bekamen es hin. In Arendsee wurde wenigstens darüber geredet. Vor gut zwölf Jahren hatte Bürgermeister Norman Klebe das Thema Energie noch großgeschrieben. Erinnert sei an eine Vielzahl von Studien und an das Bergrecht, das sich Arendsee damals sicherte. Die Idee und das Ziel dahinter: Den Ortsteil Arendsee klimafreundlich und kostengünstig mit Wärme zu versorgen. Beobachter nahmen zur Kenntnis, dass der Stadtrat aber nie wirklich mitzog. Nach der ersten Phase des european energy award (eea), einem Gütezertifikat für nachhaltige Energie- und Klimaschutzpolitik, wurde die Weiterführung abgelehnt. Auch 2015, nach einer Studie des Ingenieurbüros BPM aus dem sächsischen Freiberg, war keine klare Linie erkennbar. Und wieder begann das Warten auf einen Investor. Stadtrat Jens Reichardt war es, der dann vorschlug, klein zu beginnen. Ein lokales Wärmenetz sollte die Innenstadt versorgen, klimaneutral mit regionaler Biomasse. Die Thermalenergie wollte man nicht aus den Augen verlieren, sie sollte später in das Konzept integriert werden.

Die BPM-Ingenieure rechneten 2015 vor, dass die Arendseer jährlich rund vier Millionen Euro für Öl und Gas ausgeben. Bei den heutigen Energiepreisen bestimmt schon das Doppelte. In jedem Fall Geld, das aus der Region herausfließt, zu Großkonzernen und Gas- und Öllieferländern, wie es hieß. Damals war die große Chance da, die alten Heizungsanlagen aus den 90er Jahren zu ersetzen und in dem Zuge eine Alternative für Öl und Gas anzubieten. Der Aufbau eines lokalen Wärmenetzes hätte der Weg sein können, den andere Orte wie Tangeln oder Iden schon gegangen sind. In Arendsee klappte das nicht. Zwischenzeitlich waren auf Reichardts Initiative hin und mit Hilfe des Landkreises die Daten für ein lokales Wärmenetz erfasst worden. Betrachtet wurden dabei zunächst öffentliche Einrichtungen wie Schulen, die Kita, Turnhallen, das Rathaus oder auch das Gerätehaus der Feuerwehr. Und Bürger, die sich mit anschließen lassen wollten, sollten das zeitnah umsetzen können. Ein Konzeptentwurf der Tilia GmbH vom Juni 2018 bestätigte Reichardts Vorschlag für ein lokales Wärmenetz als machbar und sinnvoll. Doch dann lief das Bergrecht 2018 sang- und klanglos aus. Still ruht seitdem der See – doch angesichts der aktuellen Diskussionen und Hinweise auf einen anstehenden Gas-Stopp infolge des Krieges in der Ukraine steht nicht nur Arendsee ein „Kriegswinter“ bevor. Dem Bürger bleibt die Wahl: die teuren Energiepreise zu zahlen, in neue teure Heiztechnik zu investieren oder frieren. Damit will sich Jens Reichardt nicht zufrieden geben. Das Energiethema will er im Wirtschaftsausschuss der Stadt wieder aufgreifen. Bleibt zu hoffen, dass er jetzt mehr Unterstützung bekommt. Vor dem Hintergrund der Energiekrise fordern vier Verbände, das Potenzial der Geothermie endlich richtig auszuschöpfen. Deutschland könnte bei der Wärmewende entschiedener und effizienter vorangehen. „Das Gute läge so nahe“, sagte eine Sprecherin des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) jüngst bei einer gemeinsamen Pressekonferenz. Die Geothermie sei ein „absolut unterschätzter Schatz“. Um den Ausbau von geothermisch gespeisten Wärmenetzen zu beschleunigen, seien unter anderem mehr Mittel und bessere Bedingungen zur Förderung und Nutzung der Geothermie erforderlich. Vielleicht wird Arendsee dadurch aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Aber auch dann bedarf es Entscheidungsträger, die das auch umsetzen wollen.

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