1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Arendsee

Seestadt verfolgte Neue-Energie-Ideen nicht bis zum Ende – ein Rückblick der Geophysiker

Erstellt:

Von: Jens Heymann

Kommentare

Ehemalige Geophysiker treffen sich alljährlich in Arendsee.
Ehemalige Geophysiker treffen sich alljährlich in Arendsee. Und wundern sich über verpasste Möglichkeiten. © Privat

An dem Tag, als sich die Gäste zu ihrem alljährlichen Ehemaligentreffen des Kombinates Geophysik in Arendsee begegneten, hatten die Anreisenden beobachtet: Aus allen Herkunftsrichtungen kam die gleiche Kunde vom Stillstand großer Windparks an diesem windarmen und schon recht düsteren Sonnabend. Es war das Durchfahren einer „Dunkelflaute“, die am Vortragsabend zum Habeck-Zitat „Jede Kilowattstunde zählt“ thematisch aufgehoben wurde.

Arendsee – Neben den seismischen Messungen zur Erkundung der Gaslagerstätte „Altmark“ gab es 1988 noch das neue Anwendungsgebiet der geothermischen Reservoirerkundung im Stadtgebiet von Neustadt-Glewe. Die Abkehr von der braunkohlenbasierten Wärmeversorgung des Nordens aus den Tagebauen des Südens wurde von der DDR-Führung eigentlich rechtzeitig ab 1977 eingeleitet, da sich aus den Nebenerkenntnissen aus der Erdöl- / Erdgaserkundung eine Wende zur Nutzung der vorerst noch geothermischen Ressourcen abzeichnete. Nicht aus Gründen der grün-ideologischen Weltrettung, sondern aus Gründen eines pragmatischen Handlungsdruckes, der den Ministerratsbeschluss von 1984 hervorbrachte.

In jenem Jahr wurde mit der ausgegründeten VEB Geothermie Neubrandenburg (aus Geophysik Leipzig) die angewandte Forschung und die Praxiserprobung geothermischer Heizzentralen institutionell abgesichert bzw. aufgewertet, zumal es später noch Vorstellungen gab, 1995 eine installierte Leistung von 110 Megawatt (thermisch) vorzugeben. Daraus wurde bekanntlich nichts, aber die ersten Projekte mit Pioniercharakter sind heute noch aktiv (Waren / Müritz, Prenzlau, Neubrandenburg).

Neustadt-Glewe wurde erst 1994 an die Fernwärmeversorgung angeschlossen, und 2004 bekam erstmals in Deutschland eine kleine geothermische Stromerzeugungsanlage die umweltpolitische Weihe – heute wieder Geschichte. Unweit von Neustadt-Glewe gelang es in Schwerin erst nach langem Bemühen, eine geothermische Heizzentrale mit Großwärmepumpe zu errichten.

Projekt in Arendsee

1999 sollten bemerkenswert dampfende Sole-Fassbilder aus einer unfündigen Gasbohrung von 1982 in der Nähe von Arendsee Vorstellungen über die dringenden touristischen Alternativen befeuern. Damals erhielt das Projekt zur wärmetechnischen und balneologischen Nutzung von Thermalsole Unterstützung durch das Land Sachsen-Anhalt. Das war es dann aber auch.

Um den Weg zu einer solchen Alternative zu bahnen, konnten seit 2002 Beziehungen zum Thermenbetreiber VAMED in Österreich ausgebaut werden, obwohl sich erst mit einem neuen Bürgermeister ein gegenseitiges Interessenverhältnis kurzzeitig einstellte, das in einer Silbertablett-Offerte an das Rathaus für die Entwicklung eines gesundheitsorientierten Zentrums mit geothermischer Einbindung auf dem Waldheim-Areal 2011 / 2012 so nah wie nie zuvor erschien.

Was in Sachsen finanziell bei einem gleichgearteten Projekt (Therme Bad Elster, 2015 Eröffnung) gelang, misslang in Sachsen-Anhalt umso nachhaltiger, da Engagement und Interesse aus der Lokalpolitik zunehmend unsichtbarer wurden, bis bei einem Verkauf der Waldheim-Ruine 2017 auch noch die restliche Verantwortung erlosch.

Konzept einer Initiative

Im Juli 2012 wurde die Nutzung geothermischer Möglichkeiten nochmals in Form eines Energieversorgungskonzeptes der Stadt Arendsee aufgegriffen. Das war ein umfassendes und fundiertes Angebot einer Bürgerinitiative, das im Bewerbungsverfahren um den European Energy Award nochmals präzisiert wurde, da den Bürgern von Arendsee kein schlüssiges Konzept vorlag. Ende 2014 lag das Energie- und Klimaschutzkonzept der Stadt Arendsee der BPM Ingenieursgesellschaft aus Freiberg vor – nach einem Auftrag des Fremdenverkehrsbetriebes Luftkurort Arendsee und aus bundespolitischer Klimadiskussion initiiert.

„Waldstadt Arendsee“

Auch die geretteten bergrechtlichen Voraussetzungen von 2012 sollten es ermöglichen, den Wärmebedarf von Arendsee vollständig mittels Geothermie abzudecken. Unter dieser Prämisse wurde ein Szenario entwickelt, das einen schrittweisen Ausbau einer geothermischen Wärmeversorgung konzeptionell in Aussicht stellte.

Das geothermische Reservoir am Arendsee hat aber ein Alleinstellungsmerkmal – es befindet sich im tektonischen Spannungsfeld eines aktiven Salzstocks – und Erfahrungswerte aus dem Betrieb derartiger geothermischer Dubletten gibt es nicht. Ein Forschungsvorlauf wäre eine Voraussetzung für zukünftige Projekte gewesen.

Im Oktober 2014 konnte das Energie- und klimapolitische Leitbild der Einheitsgemeinde – ein Entwurf einer Bürgerinitiative aus Arendsee – nochmals unter anderem an die Nutzung des nachgewiesenen geothermischen Potenzials bei Arendsee ermahnend anknüpfen.

Im Juli 2015 erschien aus gleicher Bürgerbeteiligung die „Waldstadt Arendsee“ – eine konzeptionell vielgestaltige Initiative zur touristischen Entwicklung des Waldheim-Areals – und blieb ohne erkennbare Reaktion. Auch dieses Silbertablett-Angebot wurde nicht abgenommen bzw. überhaupt diskutiert. Die Folge – die Bürgerbeteiligung wurde damit politisch leichtfertig abgeschaltet.

Erloschen war aber auch damit jegliches Engagement. Gab es noch 2015 eine zeitgemäße Einbindung des geothermischen Potenzials in das Konzept der Bürgerinitiative „Waldstadt Waldheim“, so war davon in den Konzepten von 2019 nichts mehr zu hören. Dass im Herbst 2022 das große Werbeschild mit dem datierten Baubeginn Sommer 2021 immer noch vor dem verwaisten Bauareal steht, spricht für sich.

In Österreich anders

Die Therme Geinberg (der abgewiesene österreichische Pate des Arendseer Projekts) erlebte einen unerwarteten Gästezuspruch in den geschlossenen Pandemiezeiten – im Vertrauen an das Gesundheitskonzept bescherten sie dem Betreiber höchsten wirtschaftlichen Erfolg. Als neuestes Thermenprojekt wird im Tiroler Wintersportort Ischgl in Kürze die Silvretta-Therme eröffnet – versorgt mit Erdwärme.

Als sich die Gäste des Treffens aus Arendsee mit dem Hinweis auf das nächste Jahr verabschiedeten, konnten viele Heimreisende dennoch an einem sonnigen Tag an langsam drehenden Windrädern vorbeifahren. Defizite beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der internationale Gas- und Ölmarkt mit seinen multipolaren Unwägbarkeiten und Verstrickungen führen in den nächsten Jahren zu grundlegenden wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen.

Ein deutscher Sonderweg hat kein Weltrettungspotenzial, aber ein Potenzial zu einer offenen Entwicklung von Energietechnologien. Zu den marginalen Beiträgen der tiefen Geothermie in Deutschland (installierte Wärmeleistung: 349 Megawatt, installierte elektrische Leistung: 47 Megawatt, Stand 2022) hat auch Arendsee beigetragen – wenn auch auf seine spezifische Weise.

Auch interessant

Kommentare