„Machen durch jeden Gast Verlust“

Renee Herbst: Nicht Aufgabe der Bürger, den Tourismus zu finanzieren

Ein Steg im Arendsee bei Sonnenuntergang.
+
Ein Foto von Uwe Scholz, das Sehnsucht nach dem Arendsee entfacht. Doch in der Stadt gibt es auch Stimmen, die die aktuelle Handhabe des Tourismus kritisch sehen und mehr Investitionen in die normale Infrastruktur fordern.
  • Jens Heymann
    vonJens Heymann
    schließen

Bevor am Dienstagabend im Arendseer „Haus des Gastes“ das Chaos um Jens Reichardt ausbrach, gab es mit prinzipiell denselben Abgeordneten eine Sitzung des Eigenbetriebsausschusses des Arendseer Fremdenverkehrsbetriebes. Zum größten Thema dieser Runde wurde allerdings nichts von der Tagesordnung, sondern eine Anmerkung von Renee Herbst während der Einwohnerfragestunde.

Arendsee – Der Unternehmer regte die Lokalpolitiker an, sich einmal grundsätzlich Gedanken über den Tourismus in der Seestadt und vor allem dessen Finanzierung zu machen. Außerdem, so Herbst, sollten bei all dem nicht die eigentliche Stadt und dortige Investitionen vergessen werden.

30 Jahre nach der Wende seien diverse Straßengehwege noch immer nicht gemacht worden, sagte Herbst und zählte die Seehäuser, Osterburger und Gestiner Straße sowie Dessauer Worth auf. „Es kann nicht Aufgabe der Bürger sein, den Tourismus zu finanzieren, und die Infrastruktur bleibt zurück“, erklärte der Arendseer. Dies solle vor dem Beschluss des nächsten Haushaltes bedacht werden. Es gebe genügend Bürger, bei denen langsam der Geduldsfaden reiße, hieß es. „Wir machen durch jeden Besucher Verlust.“ Und: „Wollen wir so weitermachen?“, fragte Herbst.

Bürgermeister Norman Klebe, zugleich Vorsitzender des Ausschusses, verwies am Dienstagabend in seiner ersten Reaktion auf fehlende Finanzen, aufgrund derer in der Vergangenheit nicht mehr machbar gewesen sei. Besagte Straßen wären dennoch erfasst worden.

Die Kritik von Renee Herbst erfolgte unter dem Eindruck jüngerer Beschlüsse, nach denen die Stadt Verluste des Fremdenverkehrsbetriebes von gut 70 000 Euro im Jahr 2019, also noch unbetroffen von Corona, ausgleichen muss. Herbst schlug dem Ausschuss mehrere Maßnahmen vor, durch die sich Tagestouristen und Langzeitbesucher stärker finanziell beteiligen müssten.

Die Reaktion aus der Politik erfolgte noch am selben Abend. Für Thomas Schlicke (Linke) sei die Sichtweise zu eng, lediglich Einnahmen und Ausgaben gegenüberzustellen. Die praktizierten Formen des Tourismus seien eine bewusste Entscheidung der Stadt – davon würden viele Betriebe in Arendsee (Hotels, Geschäfte usw.) profitieren. Es wäre ein schwerer Fehler, sollte der Fremdenverkehr nicht mehr gefördert werden, meinte Schlicke.

Sven Schottenhamel (Arendsee-Land / Freie Liste) hält den Tourismus zwar ebenfalls für wichtig, sagte aber: „Wir müssen alle davon profitieren.“ Gut gelaufen sei es in den vergangenen Jahren nicht. Ratsherr Matthias Goyer (CDU / SPD) verwies auf Unternehmen, die auf Gäste angewiesen seien und Gewerbesteuer zahlten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare