Jahrestag des rechtsextremistischen Attentats

Morde von Hanau: Kein öffentliches Gedenken in Arendsee

Menschenleerer Marktplatz vor dem Rathaus in Arendsee am 19. Februar 2021
+
Nichts erinnerte am 19. Februar 2021 auf dem Arendseer Marktplatz an das Attentat von Hanau.

Weder in Kirche noch Zivilgesellschaft von Arendsee gab es am Jahrestag des rechtsextremistischen Anschlags von Hanau eine öffentliche Gedenkveranstaltung für die Opfer des Attentats.

„Der Gedenktag zum Anschlag in Hanau wird beim Gottesdienst am Sonntag keine Rolle spielen. Auch andere Aktionen der Kirchengemeinden (neben dem alltäglichen Einsatz gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit aller Art) finden nicht statt. Dieses Mal ...geht es um die Geschichte von der bittenden Witwe und den brummeligen Richter aus Lukas 18“, teilte das Pfarramt Fleetmark-Jeetze auf eine entsprechende Anfrage der AZ anlässlich des Jahrestages der rassistischen Morde von Hanau am Freitag vergangener Woche mit.

Nichts ist so schlimm wie das Schweigen der Freunde.

Björn Kunter (Projektleiter LOVE-Storm - Gemeinsam gegen Hass im Netz)

Neun willkürlich gewählte Menschen mit Migrationshintergrund waren am 19. Februar 2020 in der hessischen Stadt Hanau von einem Rechtsextremisten erschossen worden. Pfarrer Martin Goebel drückte sein Bedauern aus, dass in den Kirchspielen Am Arendsee und Neulingen an diesem Sonntag kein Gottesdienst gefeiert würde. Ein „was wäre wenn …“ sei immer fragwürdig, „aber einfach daran vorbeizugehen, das wäre, wie auch im Oktober bei der Erinnerung an Halle, nicht gegangen“, ließ Goebel wissen. Für die Arendseer Zivilgesellschaft war es durchaus möglich. Weder das Rathaus, noch irgendein Ortsbürgermeister, noch eine Bürgerinitiative drückten an diesem Wochenende oder im Vorfeld öffentlich ihr Bedauern und ihre Anteilnahme an den Morden in Hanau aus.

„Ich bin eine Person, die Menschen sehr schätzt. Ich wünsche mir, dass diejenigen, die dies getan haben, bestraft werden“, sagt Necmettin Demir, bei dem viele Arendseer am Wochenende einen Döner kauften, während Menschen in anderen Städten gegen mörderische Ausländerfeindlichkeit demonstrierten.

Vor dem Rathaus in Lüchow demonstrierten Menschen am Jahrestag des Attentats von Hanau gegen rassistische Gewalt.

Ein Kurde, der nicht weit von Arendsee lebt, schilderte der AZ bedrückende Erfahrungen: „Ich lebe hier seit sechs Jahren mit meiner Frau und meinen zwei Kindern. In einem Zeitraum von vier Jahren habe ich zehn verschiedenen Menschen darum gebeten, meinen Kindern gegen Bezahlung Nachhilfeunterricht zu erteilen. Die Antwort war regelmäßig: Nein, Ausländer unterrichte ich nicht.“ Er hätte in der ganzen Zeit keinerlei Freundschaften mit Deutschen schließen können. „Ich werde sofort in meine Heimat zurückkehren, sobald die politischen Verhältnisse in Nordsyrien das möglich machen“, sagte der selbstständige Unternehmer, der 2015 vor dem Krieg flüchtete und damals auf dem Landweg zusammen mit Frau und Kleinkindern nach Deutschland gelangte.

„In Arendsee gibt es keine Fremdenfeindlichkeit“, ist sich ein Arendseer Bürger sicher, den die Autorin danach gefragt hat, warum es hier keine Gedenkaktionen zum Jahrestag des Attentats von Hanau gibt. Aber reicht das aus, um auf ein solches Ereignis nicht öffentlich reagieren zu müssen?

„Aus der Gewaltforschung wissen wir: Wenn Menschen einen körperlichen Angriff ...beobachten und sehen, dass andere Leute nicht reagieren, dann bleiben auch sie untätig, obwohl sie im Zweier- oder Dreiergespräch sofort reagieren würden“, gibt Friedenspädagoge Björn Kunter zu bedenken, der in Lüchow das Projekt „LOVE-Storm – gemeinsam gegen Hass im Netz“ leitet. Am wichtigsten sei, die Angegriffenen zu stärken: „Aus eigener Erfahrung weiß ich: Nichts ist so schlimm wie das Schweigen der Freunde. Angriffe von irgendwelchen Idioten kann man wegstecken, aber wenn einem die eigenen Freunde nicht helfen, das ist schwer.“

Im Internet, wo Kunter sich mit seinem Projekt gegen Hassrede engagiert, bestünde „helfen“ in verbalem Beistand. Im realen Leben könnte Hilfe rückblickend beispielsweise in einer öffentlichen Anteilnahme bestehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare