1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Arendsee

Muss sich der Alte aus dem Norden der Moderne anpassen? – Eine provokant-ironische Analyse

Erstellt:

Von: Detlef Güssefeld

Kommentare

In Corona-Zeiten muss auch mal der Weihnachtsmann draußen bleiben. Die Kinder der Kita Binde winken ihm trotzdem zu.
In Corona-Zeiten muss auch mal der Weihnachtsmann draußen bleiben. Die Kinder der Kita Binde winken ihm trotzdem zu. Abseits der Pandemie gibt es so einige Aspekte, wo die Tradition mit dem Zeitgeist kollidiert. © Privat

Muss in Sachen Weihnachtsmann eigentlich heutzutage gegendert werden? Angesichts der Tatsache, dass der Weihnachtsmann auch eine Frau hat und gemeinsame Kinder – die AZ hatte das vor Jahren aufgedeckt – könnte das passieren.

Arendsee – Aber noch ist da eine klare Trennung: Der Mann macht sich auf, Geschenke in aller Welt zu verteilen. Und die Frau bleibt im kalten Norden zurück, umsorgt die Kinder, bereitet dem Mann das Heim. Denn seit Jahren ist es der Alte, der Weihnachtsmann, der vor den Türen steht. Eine Weihnachtsfrau gab es wohl nur, wenn der Alte mal Grippe hatte. Vielleicht wechseln sich beide künftig ab. Bislang durfte jedenfalls immer nur der Alte in die Häuser, um die Geschenke zu verteilen und sich aufzuwärmen. Und wenn dabei noch ein Grog für ihn abfiel, dann war es doch auch für ihn Weihnachten.

Mittlerweile bläst ihm ein kalter Wind auch aus anderer Richtung entgegen. Da gab es Stimmen, die wollten das Fest nicht mehr Weihnachten nennen. Die Märkte sollten stattdessen Wintermärkte heißen. Um denen nicht auf die Füße zu treten, die Weihnachten nicht feiern.

Nun gibt es Länder, die mit einer Vielzahl von Ausländern ein gemeinsames Land bilden. Kanada zum Beispiel. Und dort heißt es für die, die Weihnachten feiern, weiterhin Merry Christmas. Alles kein Problem.

Wegen Corona bleibt manche Tür zu

Mit solchen Gedanken macht sich dieses Jahr der Alte wieder auf den Weg. Unklar ist, ob er gegen Corona geimpft ist und einen Impfpass hat. Er selbst sagt dazu nichts. Auch nicht dazu, ob er an den Landesgrenzen Probleme mit der Einreise hat.

Die ersten Hürden traten jüngst in der Region Arendsee auf. Er muss angesichts der vielen Hürden durch die Pandemie heutzutage früher mit seiner Geschenketour angefangen. Und als er vor der Kita in Binde stand, musste er wegen Corona-Vorsichtsmaßnahmen draußen bleiben. Und er selbst gehört ja auch zur Risikogruppe.

Andere Schlitten liefern schneller

Ob er in einigen Jahren noch den Mut findet, sich auf die Geschenkereise zu begeben, ist offen. Immer wieder muss er erleben, dass sein Schlitten von AMAZONen überholt wird. Die Rentiere scheuen kurz. Auch sie wissen, dass ihre Zeit kommt. Das Halten und Essen von Tieren kommt in Verruf, schallt es aus dem Fernsehen. Schade für die Tiere, die bislang grenzüberschreitend ohne Probleme vorankamen.

Doch der Weihnachtsmann, falls er seine Tiere überlebt, muss sich Gedanken machen. Ein moderneres Gefährt müsste eventuell her, ein E-Schlitten vielleicht. Tausende von Kilometern spult er mit seinen Tieren ab, geht das auch mit einem Elektrogefährt? Funktioniert es in zuverlässig in eisiger Kälte? Kann er Termine einhalten, wenn er durch Regionen kommt, in denen die Ladesäulen selten sind? Muss er sogar so lange warten, bis er an der Reihe ist?

Solche Gedanken mögen in seinem Kopf schwirren. Die eigentliche Arbeit, die Geschenke zu bringen und sich mit dem Christkind auf ein heißes Getränk – wahlweise mit oder ohne Schuss – zu treffen, gerät dabei in den Hintergrund. Möglich, dass die Welt in Sachen Weihnachtstraditionen so langsam aus der Spur gerät.

Gute Argumente für das Sockengeschenk

Sie haben keinen guten Ruf, besonders nicht zur Weihnachtszeit. Gemeint sind Socken. Oft heißt es: „Bloß keine Socken, so einfallslos.“ Zu Recht?

Einer der Lieferanten des Weihnachtsmannes ist „Socken-Theo“ (Heiko Seifert) in Arendsee. „Socken sind wie Brot. Die braucht jeder, jeden Tag. Und deshalb ist es ein schönes Geschenk“, zählt der Markthändler gleich mehrere Gründe auf, ohne schlechtes Gewissen Socken zu verschenken. Und schnöde sind sie als Geschenk nicht, wenn man 50 oder 100 Euro hineinschiebt. Dann werden selbst die Fußstrümpfe zu einem Renner. Und erst die Selbstgestrickten seiner Frau. Die gehen weg wie warme Semmeln, heißt es. „Socken-Theo“ erzählt von einer Familie in Kläden, die sich alljährlich über Socken der Oma und Scheinchen hinter der Banderole freut.

Natürlich ist die Wirtschaftsbeziehung zum Weihnachtsmann das Hauptgeschäft des Arendseers. Der Alte, so heißt es, versucht alljährlich, den Preis zu drücken. Aber leben und leben lassen, darauf hat man sich geeinigt. Und „Socken-Theo“ unterstützt den Appell, zum Alten freundlich zu sein. „Es würde doch etwas fehlen, wenn die Kinder auf diesen Alten im roten Mantel verzichten müssten. Aus welchen Gründen auch immer. Argumente für das Verschwinden sind schnell gefunden. Ihn zurückzuholen, das wird dann nicht mehr gelingen“, sagt „Socken-Theo“. Das ist wie mit vielen anderen Dingen. Sind sie weg, werden sie vermisst. Und manche ganz schmerzlich.

Auch interessant

Kommentare