Durchatmen auf 1200 Kilometern Fußweg

Andreas Döpelheuer aus Kläden wanderte auf dem Jakobsweg über die Pyrenäen

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Die vielen Stempel von den Stationen auf dem Jakobsweg bestätigten Andreas Döpelheuer aus Kläden die lange Reise nach Santiago de Compostela.

„Ich wollte es tun. Die Situation des Lockdowns war für mich schwierig zu ertragen“, sagt Andreas Döpelheuer auf die Frage, warum er sich im Frühjahr entschlossen hatte, sich auf den Jakobsweg zu begeben. Diese Corona-Maßnahmen seien für ihn ein Albtraum gewesen. „Wir haben 1989 die Freiheit bekommen, nun sollte alles wieder zurückgeschraubt werden. Ich hatte irgendwie ein schlechtes Gefühl. Ich hatte Angst, man nimmt uns diese Freiheiten ganz weg“, sagt er der AZ.

Kläden – Es gab Widerstände in der eigenen Familie. Allein seine Tochter machte ihm Mut, den Jakobsweg zu gehen. Am 10. Juni war sein Impfschutz komplett. Obwohl diesen keiner kontrollierte auf seinen langen Weg. Erst beim Abflug zurück von Santiago de Compostela wollte man ihn sehen. „Ich hatte echt den Wunsch, meine Seele zu reinigen. Das hört sich vielleicht komisch an, aber es trifft den Nagel auf den Kopf“, berichtet der Wandersmann. Seine Tochter besorgte ihm die Fahrkarte nach Toulouse in Frankreich. Von dort wollte der Klädener los. Über die Pyrenäen sollte es gehen.

Mit Wanderstock und Rucksack immer dem Ziel entgegen. Meist war es sonnig und trocken.

Der Plan: Den Weg camino frances, einen der Wege, der zum Ziel ins spanische Santiago de Compostela führt. Sein Gepäck: Ein Rucksack, der einst aus der Sowjetunion stammte und den ihm sein Freund Frank Schulze zur Verfügung stellte. Und ein Wanderstock, den der Klädener Siegfried Wiechert ihm für die Reise übergab. Bereits getragene Sportschuhe, Socken, T-Shirts, einen Regenumhang, einen Hut und Unterwäsche nahm er mit. Drei Tage lang reichte das von ihm mitgenommene Verpflegungspaket. Unter anderem bestand es aus Keksen. Auf den Wanderungen hat er dreimal in freier Natur übernachtet. Ansonsten waren Herbergen, Pensionen und kleine Hotels am Weg sein Zuhause, in denen er sich von seinen bis zu 50 Kilometer langen Tagestouren ausruhen konnte.

Die Begleiter auf dem Weg waren oft nur kurz an seiner Seite. Sie kamen von überall: aus England, Lateinamerika, Polen, aus den USA und Italien. Meistens ging er allein. In den Pyrenäen hätte ihm nichts passieren dürfen, sagt Andreas Döpelheuer. Denn zu dieser Zeit war es auf dem Jakobsweg sehr ruhig. Wenige Menschen waren unterwegs. Das lag sicherlich an der Corona-Pandemie, vermutet er. In mancher Herberge war er allein, manchmal waren noch zwei, drei andere mit dabei. „Aber diese Einsamkeit war kein Problem. Ich bin insbesondere wegen Corona losgezogen. Und ich rannte ja nicht weg. Ich wusste, dass ich wieder nach Hause komme“, erzählt der Klädener.

Herzliche Begegnungen gab es. So traf er Josep, einen Katalanen. Der ihm auch ein Shirt mit der Kirche des Zielortes bemalte. Ein Ire schrieb ihm auf einem Stück Papier mutmachende Worte. Diesen Zettel wie alle anderen Dinge brachte Andreas Döpelheuer mit nach Hause. „Ich habe nichts verloren, man hat mir nichts gestohlen. Ich habe nichts vergessen“, erfährt die AZ. Es gab nur eine Situation, die er als gefährlich bezeichnete. Fünf Hunde waren eines Tages zunächst herrenlos auf ihn losgegangen. Gut, dass der Besitzer dann noch kam. „Da ging mir ganz schön die Düse“, sagt er.

Andreas Döpelheuer am Ziel in Santiago de Compostela.

Acht bis neun Stunden am Tag ist er gelaufen. Und hat einige Begleiter erlebt, die abends ihre Füße umwickelten und Blasen kurierten. „Ich bin stolz auf mich, dass ich außer einigen Zerrungen in den ersten Tagen alles gut überlebt habe. Ja, ich bin echt stolz, dass ich nicht nur 200 Kilometer, sondern tatsächlich diese 1200 Kilometer gelaufen bin“, macht der 57-Jährige klar. Dass ihm gutes Wetter beschieden war, dafür dankt er dem, der über ihn während der Reise wachte. Dreimal Nieselregen waren keine Hürde. Die Sachen trockneten abends, und morgens ging es weiter. Auf einem Blatt Papier bekam er seine Stempel in den Orten und Herbergen. Später seinen Pilgerpass, auf dessen Grundlage die Urkunde in der Pilgerstation am Ziel ausgestellt wurde.

Tagebuch hatte der Klädener auch geführt. Jeden Tag schrieb er auf, was er erlebte, was ihn bewegte. Das Ausreißen aus dem normalen täglichen Wahnsinn hat ihm nach eigenen Angaben gutgetan. Und er freut sich auch, dass er wieder in der Familie seine Aufgabe hat. Und dass er wieder Opa wurde, eine kleine Marie ist geboren, das macht ihn stolz. „Doch wenn ich nicht gelaufen wäre, hätte ich es mir nicht verziehen. Ich wollte es und hab es getan. Das allein ist wichtig“, erzählt er im Gespräch mit der Altmark-Zeitung.

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