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Das runde Leder spaltet die Gemüter

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Von: Detlef Güssefeld

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Kunstaktion zur Fußball-WM in Katar vor dem Brandenburger Tor in Berlin.
Die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar wird seit Monaten heftig kritisiert. Und in der Bevölkerung mag wohl auch deshalb kein WM-Fieber entstehen. Bei den Fans in Arendsee ist das nicht anders. © Jörg Carstensen (picture alliance)

Ja, es gibt in diesem Jahr tatsächlich eine Fußballweltmeisterschaft. Aber ehrlich, wer weiß, wann sie wirklich beginnt und wer die Gruppengegner der deutschen Mannschaft sind? Von WM-Fieber keine Spur, das scheint sicher. Doch werden die Fußballfreunde die Spiele verfolgen? WM-Spiele zwischen Adventskerzen und Lebkuchen? Die AZ hörte sich einmal in Arendsee um. Und sie traf dabei sehr oft auf Meinungen, die von höchster Stelle vorgegeben zu sein scheinen. Katar, wo die WM stattfindet, sei ein Land, in dem Minderheiten verfolgt und Wanderarbeiter beim Bau der Sportanlagen sogar sterben würden. Fußballspiele in solch einem Land zu verfolgen, gehöre sich nicht. Oder doch? Erinnerungen werden dabei wach, an die Fußball-WM 1978 in Argentinien. Zu einer Zeit, in der die Militärjunta herrschte und dort Mord an Menschen an der Tagesordnung war. Das alles spielte damals keine Rolle, die WM wurde verfolgt, und das Bedauern, dass Deutschland nicht Weltmeister wurde, war groß. Erinnert sei an das Skandalspiel Deutschland gegen Österreich.

Arendsee – Und nun Katar. Im November und Dezember, zu einer Zeit, in der es im Fußballland Deutschland kalt ist. Und die sonst üblichen Übertragungen auf Riesenleinwänden, die immer wieder zu tausendfachen Gefühlsausbrüchen führten, nicht stattfinden werden. Also rein in die Kneipen? Im Fernsehen werden Gaststätten porträtiert, die Fußball zu dieser Zeit nicht zeigen werden. Wie gesagt, getreu der Meinung, in Katar gehe nicht alles mit rechten Dingen zu. Und so werden in manchen Kneipen wohl die Übertragungen nicht stattfinden. Auch auf die Gefahr hin, dass dann das Publikum ausbleibt. Paul Deuschle, ein einstiger Arendseer, dessen Fußballherz für Hertha BSC und Chemie Leipzig schlägt, lehnt die WM ab. „Es sind weniger die politischen Befindlichkeiten, die ich als Quatsch empfinde, weil die Bundesrepublik in wirtschaftlichen Beziehungen zu dem Staat steht, uns aber Moral verordnet“, so der Pädagoge. Er habe deshalb keine Lust, weil keine Lust auf das Ereignis geweckt wird. „Ich werde immer, wenn unsere Mannschaft spielt, den alten, wohlgemerkt alten Film ,Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘ schauen“, macht er mit einem Augenzwinkern deutlich. Und wenn Deutschland weit kommen sollte, dann schaut er den Klassiker eben öfter. Apropos WM-Fieber: Fieber werden einige zu dieser Zeit sicher haben, so Deuschle. Und die womöglich zwei Striche auf dem Teststreifen geben unmissverständlich Auskunft darüber, dass Fernsehen in großen Gruppen sowieso nicht möglich ist. Also dann doch ein Film-Märchen mit gutem Ausgang und einer Träne im Auge, rät er den Betroffenen. Als Alternative würde er auch den Klassiker „Winnetou“ empfehlen, doch dann mit Kopfhörern. Damit niemand hört, dass solch ein inzwischen als rassistischer Film eingestufter Streifen bei ihm läuft, macht der Ex-Arendseer klar.

Martin Retzlaff, Chef des SV Arendsee, macht deutlich, dass im Vorfeld der WM „schon krasse Dinge passiert sind.“ Und er sagt auch, dass die Toten auf den Baustellen nicht zu verschweigen seien. Dem Letzten sollte nun auch klar sein, dass es allein ums Geld geht. Klagen auf der einen Seite, aber Betteln um Energie, oder sogar mit Sponsoren aus dem ach so schlimmen Land in der Bundesliga auflaufen. „Am 10. Dezember findet bei uns auf dem Sportplatz am Harper Weg ein Weihnachtsmarkt statt, auch im Rahmen des Lebendigen Adventskalenders. An diesem Tag werden auch zwei Viertelfinalspiele stattfinden, die dann aber bei uns auch definitiv nicht gezeigt werden“, machte Retzlaff klar. Es werde sich zeigen, ob die Ablehnung der WM Bestand hat, vor allem dann, wenn die deutsche Nationalmannschaft weit kommen sollte. „Vielleicht schauen am Ende alle den Kram“, sagte Martin Retzlaff. Und er verweist damit auf die Widersprüche, in der Deutschland aktuell steckt. Am 20. November geht die WM los. Mit Katar gegen Ecuador. Deutschland steigt am 23. November ins Geschehen ein, gegen Japan. Das Halbfinale geht dann am 13. und 14. Dezember über die Bühne. Und das Finale wird am 18. Dezember, dem 4. Advent angepfiffen. Um 16 Uhr. Dann wird feststehen, wer das umstrittene Ereignis gewonnen hat. Fakt ist: Es wird einen Weltmeister geben, ob die Menschen das wahrhaben wollen oder nicht. Und die angeblichen Probleme in dem Land werden bleiben. Aber vielleicht bekommen wir in Europa ja Energie von dort, das wäre doch einfach großartig.

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