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700 Jahre Kraatz: Ein Streifzug durch die lange Geschichte des kleinen Dorfes

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Eine Hochzeitsgesellschaft im Jahr 1930: Die Kraatzer waren außerdem für ihren Hundemarkt bekannt, der mit Vierbeinern aber nur am Rande zu tun hatte. © Privat

Zu den kleinsten Orten, die in diesem Jahr in der Altmark ein Jubiläum feiern, gehört der Arendseer Ortsteil Kraatz mit seinen heute 26 Einwohnern. 1936 wurde er mit Kläden zusammengeschlossen. Am 17. und 18. Juni steht die 700-Jahr-Feier an. Hier ein Blick in die Geschichte.

Kraatz. Die erste urkundliche Erwähnung von Kraatz im Jahre 1322, auf die sich der Ortschaftsrat Kläden mit seinem Volksfest am 17. und 18. Juni beruft, ist nicht ganz eindeutig, denn in der Urkundensammlung Codex diplomaticus Brandenburgensis von Adolph Friedrich Riedel wird der Ort 1322 als Vratz angegeben, was nach neueren Erkenntnissen ein Schreibfehler ist und Cratz heißen sollte. Eine weitere urkundliche Ersterwähnung bereits um 1151 in älteren Büchern und Quellen ist heute nicht mehr zu belegen.

Der Ortsname wird aus dem wendischen Krawatz abgeleitet, was auf den Personennamen Schneider hinweist. Die Urkunde von 1327, wonach die Familie von der Schulenburg dem Kloster Arendsee das wendische Dorf Craatze verkauft und die Brüder von Walstone und ihr Oheim als Zeugen auftreten, ist da schon eindeutiger.

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Die Ziegelei Wienecke auf einem Foto von 1896. © Freier Mitarbeiter

Das Dorf ist jedoch älter, denn die kleine frühgotische Kirche wurde wahrscheinlich bereits Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut und hatte nur einen Glockengiebel. Der Fachwerkturm wurde vermutlich gemeinsam mit einem Teil der Westempore erst 1673 errichtet, und 1718 wurde die hölzerne Kanzel eingebaut. Vom Ende des 15. Jahrhundert sind weiterhin gotische Ritzzeichnungen von zwei Fischen an der Nordwand des Kirchenraumes erhalten.

Doch der Zahn der Zeit nagte stark an dem kleinen Bauwerk. 1987 wurde es nach der Taufe der Enkelin des Kraatzer Kirchenältesten Otto Schultze aus Gründen der Baufälligkeit geschlossen.

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Willi Müller und sein Ochsengespann: Das Dorf war landwirtschaftlich geprägt. © Privat

Vorwiegend in Eigeninitiative sowie aufgrund zahlreicher Spenden haben die Kraatzer die Kirche wieder hergerichtet. Die Sanierung lief im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme von Mai 1999 bis Januar 2000. Viele fleißige Menschen und Freunde der Kirche erneuerten in zahlreichen Stunden ehrenamtlicher Arbeit die Deckenbalken, Kanzel, Harmonium, Bänke und den Fußboden, sodass die Kirche am 20. Juni 2000 mit einem Gottesdienst, bei dem auch die Altargeräte, Kruzifix, Bibel und Leuchter eingeweiht wurden, wieder der kirchlichen Nutzung übergeben werden konnte.

Kirche
Die Kraatzer Dorfkirche. © Freier Mitarbeiter

Doch zurück zum Dorf Kraatz: Es gehörte bis zur Säkularisierung 1540 dem Kloster Arendsee und anschließend bis 1873 dem Amt Arendsee, mit allen Rechten, einschließlich der Gerichtsbarkeit. 1608 lebten im Ort sechs Hufner und fünf Kossaten. 1734 waren es sieben Bauern, vier Einlieger und Altsitzer, ein Schmied, ein Schäfer, ein Hirte, 15 Frauen, zwölf große Söhne, neun große Töchter, 13 Söhne und 24 Töchter unter zehn Jahren, ein Knecht, drei Jungen und vier Mägde.

Im Jahr 1871, zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs, hatte Kraatz 46 Wohngebäude mit 54 Haushalten. Interessant ist, dass 1794 das Schulmeisterhaus zum Seidenanbau hergerichtet wurde und bereits 1840 ein Schulgebäude mit einem Küster erwähnt wird. Eine Windmühle sowie einen Dorfkrug gab es 1801.

Häuser
Paul Benecke hatte 1926 eine Reparaturwerkstatt für Landmaschinen gegründet. © Privat

Weiterhin bestand im Ort eine kleine Lehmgrube, die dem Arendseer Brennereibesitzer Wilhelm Benecke gehörte und in der Ziegel hergestellt wurden. Diese Ziegelei wurde 1881 an den Kraatzer Schmied Gustav Wienecke verkauft, der die Ziegelei wesentlich erweiterte und ausbaute. Anfang der 1920er-Jahre ging diese jedoch ein. Aus der dazugehörenden Schmiede und Werkstatt gründete Paul Benecke am 1. November 1926 die Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte.

Bei der Volkszählung im Jahr 1939 wurde ein landwirtschaftlicher Betrieb mit über 100 Hektar Land gemeldet sowie 52 darunter. Zur Bodenreform 1948 erhielten elf sogenannte Vollsiedler jeweils über fünf Hektar sowie acht Kleinsiedler unter fünf Hektar Land zugesprochen. Sie wurden zum größten Teil bis 1952 in der LPG Typ III „Fortschritt“ zusammengeschlossen. 1960 hatte die LPG Typ III „Fortschritt“ 96 Mitglieder bei 630 Hektar landwirtschaftlicher Fläche.

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Stolz zeigen die Einwohner die Siegerurkunde von „Unser Dorf hat Zukunft“ (2009). © Freier Mitarbeiter

Weiterhin bestanden die LPG Typ I „Altmarkbauer“, „Wiesengrund“ und „Neue Zeit“, die zusammen 39 Mitglieder und 380 Hektar Land hatten. 1967 wurden diese an die LPG Typ III „Fortschritt“ angeschlossen und 1976 mit der LPG „Ernst Thälmann“ Arendsee zusammengeführt.

Die Kraatzer Einwohner konnten nicht nur arbeiten, sie sind auch bekannt für ihre Feste – wie zur Kircheneinweihung 2000, der Einweihung des Dorfgemeinschaftshauses 2006 (früher Feuerwehrhaus), zur Auszeichnung auf Kreisebene beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ im Jahr 2009 sowie bei den Sommerfesten. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war der sogenannte Hundemarkt im Ort bekannt und beliebt. Dieser war im eigentlichen Sinne kein Markt, sondern ein Zeltfest mit Tanz und allerlei Belustigungen. Den eigenartigen Namen soll das Fest der Legende nach von einem Bauern aus dem Wendland erhalten haben, der bei den Bauern des Dorfes Hunde gekauft haben soll. Der Handel wurde immer begossen und ist später in ein Fest übergegangen. 

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