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300 Jahre alter Hof in Störpke atmet Geschichte

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Von: Detlef Güssefeld

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Ein 79 Jahre alter Mann steht vor seinem alten Fachwerkhaus und schaut den Fotografen an.
Hans-Joachim Koch vor dem Wohnhaus auf seinem Hof in Störpke. Der 79-Jährige hofft, dass das rund 300 Jahre alte ortsbildprägende Anwesen einmal als Denkmal erhalten bleibt. © Harry Güssefeld

Hans-Joachim Koch lebt auf seinem rund 300 Jahre alten Hof in Störpke. Er erzählt, dass 1985, noch zu DDR-Zeiten, ein NDR-Fernsehteam aus dem Westen auf den Hof kam und einen Film mit seiner Mutter Nanny Koch drehte. In dem Jahr war der Hof unter Denkmalschutz gestellt worden. Der Film unter dem Titel „Schönes Fachwerk, leere Ställe“ dauert rund zehn Minuten. Die AZ durfte ihn noch einmal sehen.

Eine Schwarz-weiß-Aufnahme eines Soldaten in Wehrmachtsuniform und seiner Verlobten.
Mutter Nanny Koch und sein Vater Karl-Heinz Schaper, den Hans-Joachim nie kennenlernte. © Repro: Harry Güssefeld

Störpke – Als seine Mutter in dem Film spricht, zeigt Hans-Joachim Koch Gefühle. Er ist stolz auf sie und ihr Lebenswerk.

Seine Mutter hatte ihren Verlobten, seinen Vater Karl-Heinz Schaper, im Zweiten Weltkrieg verloren. 1970 war er für tot erklärt worden. 1945, im März, kam ein letzter Brief. Keiner weiß, wo er geblieben ist. Ein Grab gibt es in der Heimat nicht. Interessant im Film: Die Mutter erklärt dem westdeutschen Journalisten, dass sie rund 360 Mark der DDR als Rente bekommt. Auf die Frage, wie man damit klarkommt, antwortete sie damals: Man komme damit aus, wenn man sparsam ist. Der Störpker, der den Hof von seiner Mutter übernahm, die 2003 gestorben ist, war bis 1959 auf dem Hof zuhause. Er ging dann in die damals weite Welt, nach Magdeburg, Weimar und später nach Halle. Dort arbeitete er als Ingenieur im Bauwesen, plante große Industriebauten, so im Chemiebereich.

Beim Blick auf die Gebäude des Hofes überkommt den Betrachter Geschichte pur. Der Stall, die Scheune, das Altenteil, das an die Straße grenzt und mit der Toreinfahrt verbunden ist, dann das Wohnhaus, an dem auch ein Stall angebaut ist. Balkeninschriften wie „Morgenstund´ hat Gold im Mund“ oder „Bete und arbeite“ zeugen von einem arbeitsreichen Leben auf dem Hof. Die Gebäude waren nicht gleichzeitig gebaut worden. Manchmal zeugt eine Zahl vom Baujahr. Als Bauherr der Scheune fungierte ein Joachim Erdmann Koch, der Zimmermann hieß Nahrendorf. Das Altenteil an der Straße ist inzwischen nicht mehr bewohnt. Doch in den wenigen Räumen waren einst zwei Familien untergebracht. Nach dem Krieg wohnten auf dem Hof bis zu zwölf Personen. Vorstellen kann man es sich angesichts der Ruhe nicht mehr. Aber beim Eintritt in das Wohnhaus wird deutlich, dass es viele Geschichten zu erzählen gibt. Bilder hängen im Flur, Bilder der Eltern von Hans-Joachim Koch, und Bilder seiner Großeltern. Sein Vater in Wehrmachtsuniform mit seiner jungen Mutter. Der Krieg hatte eine Familie zerstört. Wie viele Millionen Familien damals.

Auf dem Balken eines alten Fachwerkhauses ist der farblich unterlegte Schriftzug „Bete und arbeite“ zu lesen.
Eine von zahlreichen Balkeninschriften, auf die der aufmerksame Betrachter bei seinem Rundgang stößt. © Harry Güssefeld

Doch heute gibt es etwas, was es damals nicht gab: Internet, und das sei in Störpke schon seit Jahren kein Problem, sagt Hans-Joachim Koch ein wenig stolz. Übrigens: Mit seinen Vorfahren hat sich Hans-Joachim Koch lange und intensiv beschäftigt. Bis 1685 lässt sich so die Geschichte seiner Familie zurückverfolgen. Am Sonntag hatte der Störpker seinen Hof geöffnet. Für interessierte Leute, die am Tag des offenen Denkmals unterwegs waren. Und wer mit dem Störpker Urgestein ins Gespräch kommt, erfährt viel von den Gebäuden, aber auch viel von ihm selbst. Von seinen Reisen nach Usbekistan, Frankreich, Rumänien. Erinnerungen, die den älteren Herrn, geboren 1943, geprägt haben. Was er sich wünscht, will die AZ wissen. So wie seine Mutter im Film war, so ist auch er sehr zufrieden. Nur dass der Hof nach seinem Tode einmal als Denkmal bestehen bleibt, das würde er sich wünschen. Es ist, als wolle man es ihm garantieren, so hält der Störpker seinen Zuhörer im Bann. Natürlich kann man es nicht. Aber dieses Kleinod zu bewahren, wäre für den Ort und die Region etwas Großes. Eines aber ist sicher: Seit dem Besuch auf dem Koch’schen Hof möchte man einfach wieder einmal anhalten. Irgendwann. Vielleicht, wenn die Weintrauben wieder einmal reif sind – am alten Stall.

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