Mehrheitsaktionär ACS greift durch

Droht Hochtief die Zerschlagung?

Essen/Madrid - Neben dem Vorstands- und dem Aufsichtsratsvorsitzenden muss jetzt auch der Chef des Europageschäfts des Essener Baukonzerns, Rainer Eichholz, seinen Stuhl räumen.

Knapp eineinhalb Jahre nach der Mehrheitsübernahme durch den spanischen Konkurrenten ACS beim Essener Baukonzern Hochtief greifen die neuen Eigentümer durch. Der unter der Regie der Spanier erst im vergangenen Jahr ins Amt gehobene Hochtief-Chef Frank Stieler muss gehen. Mit dem Chef des Hochtief-Aufsichtsrats, Manfred, Wennemer, und dem Europachef des Unternehmens, Rainer Eichholz, nehmen weitere hochrangige Manager ihren Hut.

Immer wieder war Hochtief-Chef Stieler nach der Machtübernahme durch die Spanier Gerüchten über eine drohende Zerschlagung entgegengetreten. Öffentlich hatte er demonstrativ auf die Eigenständigkeit des Essener Unternehmens gepocht. Nun steht mit dem spanischen Hochtief-Vorstandsmitglied Marcelino Fernandez Verdes ein Vertrauter von ACS-Chef Florentino Pérez bereit, an seiner Stelle das Ruder bei Hochtief zu übernehmen. Verdes war bereits im Frühjahr zunächst in den Hochtief-Vorstand eingezogen.

Wie sehr der von der Krise in Südeuropa gebeutelte Hochtief-Großaktionär derzeit unter Druck steht, war in der Vergangenheit deutlich geworden. Vor gut drei Monaten hatte ACS zunächst mitgeteilt, den größten Teil des von ACS gehaltenen Hochtief-Anteils als Sicherheit für einen auslaufenden Kredit an die spanische Großbank BBVA verpfändet zu haben.

Anfang dieser Woche legte der mit 9,2 Milliarden Euro hoch verschuldete spanische Konzern schließlich einen Milliarden-Verlust für die ersten neun Monate des laufenden Jahres vor. „Die Spanier stehen mit dem Rücken zur Wand“, hieß es dazu aus Kreisen. Das Ausmaß der Krise in Spanien sei dramatischer, als man es sich noch vor der Hochtief-Übernahme habe vorstellen können.

Nach einem Verlust von 160 Millionen Euro im vergangenen Jahr steht die deutsche ACS-Tochter Hochtief dagegen wieder gut da. Für das Gesamtjahr 2012 peilt das Essener Unternehmen einen Konzerngewinn von knapp unter 180 Millionen Euro an. ACS kontrolliert derzeit 54,3 Prozent der Hochtief-Anteile. Beobachter gehen jedoch davon aus, dass sich der Wert des von ACS zusammengekauften Hochtief-Aktienpakets in der Vergangenheit etwa halbiert hat.

Die wieder profitable deutsche Tochter könnte Begehrlichkeiten geweckt haben: Es werde vermutet, dass die Spanier einen Strategiewechsel planten, um sich irgendwie Geld zu beschaffen, hieß es dazu in den Kreisen. Vor diesem Hintergrund habe auch der bisherige Hochtief-Chef Stieler das Vertrauen des Großaktionärs verloren.

Noch ist völlig unklar, wohin die Reise bei Hochtief gehen könnte. Seit der Ankündigung der Spanier, die Mehrheit bei Hochtief übernehmen zu wollen, hatten immer wieder die Furcht vor einer Zerschlagung die Runde gemacht. Doch auch ein unter der Regie des damaligen Hochtief-Chefs Herbert Lütkestratkötter geführter erbitterter Abwehrkampf hatte das Blatt nicht mehr wenden können. Zusammen mit Lütkestratkötter hatte seitdem eine ganze Riege von Hochtief-Managern das Unternehmen verlassen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ACS einen so steinigen , so unangenehmen Weg gegangen ist, nur um eine Tochter mehr zu haben“, hatte Aktionärssprecher Marc Tüngler von der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) im vergangenen Jahr bei dem Aktionärstreffen in Essen die Bedenken der Anteilseigner zusammengefasst.

Doch auch unter Beschäftigten gab es seitdem immer wieder Befürchtungen. Von den weltweit rund 82 000 Mitarbeitern des weltweit agierenden Infrastruktur-Konzerns ist mit rund 10 000 jedoch nur noch eine Minderheit in Deutschland beschäftigt.

Insbesondere mit Rückendeckung des Aufsichtsrats hätte ein neuer Hochtief-Vorstand nach Einschätzung von Juristen künftig weitgehende Handlungsfreiheit. Bei dem Aktionärstreffen im vergangenen Jahr hatten die Spanier die komplette Seite der Anteilseigner im Hochtief-Aufsichtsrat nach ihren Vorstellungen besetzen können. In dem auf der Seite der Anteilseigner mit acht Köpfen besetzten Hochtief-Kontrollgremium hat ACS derzeit drei direkte Vertreter.

dpa

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