Verschollen im Busch: Teenager nach 12 Tagen gerettet

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Der 19-jährige Jamie Neale mit seinem Vater Richard Cass.

Sydney/Singapur - Zwölf Tage lang ist ein britischer Teenager bei klirrender Kälte und Regen durch den australischen Busch geirrt - am Mittwoch tauchte er plötzlich unversehrt wieder auf.

Der 19-jährige Jamie Neale verblüffte die Suchmannschaften und trotzte allen düsteren Prognosen. Er hatte sich im Wald der Blauen Berge westlich von Sydney verlaufen, und dann nach eigenen Angaben zwölf Tage und Nächte lang mit eisernem Willen ums Überleben gekämpft. In Australien ist Winter, in der Gegend sinken die Temperaturen nachts unter den Gefrierpunkt.

“Mein Sohn ist verbissen, und wenn er sich etwas in den Kopf setzt, schafft er es auch“, sagte seine Mutter Jean Neale im britischen Fernsehen erleichtert. “Ich habe allen Angehörigen und Freunden gesagt, dass er nach Hause kommen würde, ich hatte keine Zweifel.“

Ihr Mann war weniger optimistisch. Richard Cass war gemeinsam mit seinem Bruder verzweifelt nach Sydney geflogen, um sich an der Suche nach seinem Sohn zu beteiligen. Als diese Woche noch immer keine Spur gefunden war, begann er, sich mit dem Verlust abzufinden. “Wir haben eine Kerze angezündet, eine Rose für England vergraben - und dann kommt er sozusagen von den Toten zurück“, sagte Cass. Er schloss seinen verloren geglaubten Sohn im Krankenhaus in die Arme.

Cass war bereits am Flughafen , um die schwere Heimreise anzutreten. In der Wartehalle klingelte plötzlich sein Handy mit der SMS: “Sohn gefunden!“ “Es war überwältigend, da am Flughafen , unter all den Fremden“, sagte er. “Ich bin wie ein Verrückter herumgesprungen: “Mein Sohn ist gefunden! Mein Sohn ist gefunden!“

Wie Jamie Neale am 3. Juli vom Weg abkam, ist unklar. Eigentlich seien die Wanderwege dort gut ausgezeichnet, sagen die Einheimischen. Der Junge selbst hat noch nicht öffentlich über seinen Horrortripp berichtet. Er war von der Jugendherberge in Katoomba aus zu einer Tageswanderung aufgebrochen. Unterwegs traf er noch ein Ehepaar, das Fotos von ihm machte. Er sei auf dem Weg zum Mount Solitary - was so viel wie “einsamer Berg“ heißt, sagte er. Das war das letzte Lebenszeichen.

Als Jamie am nächsten Tag nicht zu einer gebuchten Höhlentour erschien, schlug die Herberge Alarm. Mit Spürhunden, Helikoptern und 400 Helfern machte sich die Bergwacht auf die Suche. Bergretter seilten sich an einer Steilwand ab, weil sie vermuteten, das Jamie abgerutscht sein könnte - alles vergeblich.

“Jeder, der nass wird und bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt da draußen ist, dürfte es schwer haben zu überleben“, sagte einer der Retter. Er habe noch nie von jemand gehört, der so lange unter solchen Bedingungen im Busch überlebt habe, meinte ein Feuerwehrmann. Jamie stieß am Mittwoch keine 15 Kilometer von der Herberge entfernt auf zwei Wanderer, die dann die Suchmannschaften benachrichtigten. Sein Sohn habe sich von Samen und Blättern ernährt und unter Holz geschlafen, um nicht zu erfrieren, sagte der Vater.

Das Fernsehen zeigte Bilder von Jamies Ankunft im Krankenhaus . Der Junge sah erstaunlich frisch aus, und konnte ohne weiteres Laufen. Gleich tauchten Gerüchte auf, der Junge habe die ganze Geschichte vielleicht vorgetäuscht, um ins Rampenlicht zu kommen und Gagen für seine unglaubliche Geschichte zu kassieren. Der Vater war darüber empört. “Wenn mir irgendjemand Geld geben will, geht das sofort an die Bergrettung und das Krankenhaus“, sagte er. “Ich will nur meinen Jungen, und das ist mir mehr als eine Million Dollar wert.“ Die Polizei fand keine Anhaltspunkte, an der Geschichte des Teenagers zu zweifeln. Nach Angaben der Ärzte hatte Jamie Verletzungen , die man sich beim Umherirren im Busch zuzieht.

Von Christiane Oelrich, dpa

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