Breivik: Darum zeigte der eiskalte Mörder Gefühle

Oslo - Der erste Tag im Prozess gegen Anders Breivik ist zuende gegangen. Wie der Mörder den Gerichtssaal eiskalt als Bühne nutzte - und bei seinem eigenen Videoclip in Tränen ausbrach.

Über das Gesicht des Massenmörders huscht immer wieder dieses irre Lächeln. Erhaben will er erscheinen, unnahbar, gefühlskalt. Anders Behring Breivik ist zufrieden mit sich und damit, 77 Menschen getötet zu haben. “Ich gebe die Taten zu“, sagt er fast gleichgültig vor Gericht. Kühl kalkulierend nutzt der Rechtsradikale den Prozess vom ersten Augenblick an als Bühne. 

Diesen Moment hatte sich der 33-Jährige sicher lange ausgemalt: Als ihm die Handschellen abgenommen werden, schlägt er die rechte Faust vor die Brust, hebt den Arm fast wie zum Hitlergruß. Er sieht direkt in die Kameras. Wieder dieses Lächeln. Mit dem Prozess beginne die “Phase der Propaganda“, hatte Breivik in seinem Manifest geschrieben. Der Islamhasser will zum unvergessenen Mythos werden.

Prozessbeginn gegen Massenmörder Breivik

Breivik-Prozess: Hier ist der Mörder zu Tränen gerührt

Er erkenne das Gericht nicht an, weil der norwegische Staat den Multikulturalismus unterstütze, sagt Breivik. Befragt nach seinem Beruf, sagt der 33-Jährige, er sei Schriftsteller und arbeite vom Gefängnis aus.

Während der Verlesung der Anklageschrift zeigt Breivik so gut wie keine Reaktion. Er hat seinen Kopf zur Seite geneigt, blickt nach unten und schließt öfter die Augen.

Jedes einzelne Opfer der beiden Anschläge inklusive der Verletzungen benennt die Staatsanwältin Inga Bejer Engh. Sie beschreibt in allen Einzelheiten, wie die Menschen beim Bombenanschlag im Regierungsviertel von Oslo starben und wie die Jugendlichen auf der Ferieninsel Utøya eiskalt erschossen wurden.

Im Gegensatz zu Breivik sind die Überlebenden und die Angehörigen von der Schilderung der grausamen Taten deutlich mitgenommen. Ein junges Mädchen bricht in der Prozesspause zusammen und muss betreut werden. Während die Staatsanwältin die Anklage verliest, fließen bei vielen im Gerichtssaal Tränen.

Breivik bekräftigt nach der Verlesung noch einmal, dass er nicht schuldig sei. Er habe die Taten zwar begangen, aber in Notwehr gehandelt.

Schockierende Bilder: Blutbad in Norwegen

Schockierende Bilder: Blutbad in Norwegen

Auf einem Tonband, das die Anklage später vorspielt, ist zu hören, wie ein Mädchen während des Amoklaufes im vergangenen Sommer minutenlang die Polizei um Hilfe bat. “Kommt schnell, kommt schnell“, sagt das Mädchen in der Aufnahme - im Hintergrund Schüsse und Schreie. Breivik zeigt keine Gefühle, atmet allerdings tief durch.

Staatsanwalt Svein Holden hatte die Angehörigen im Gerichtssaal zuvor vor “kräftigem Tonmaterial“ gewarnt und ihnen Gelegenheit gegeben, den Raum zu verlassen.

Gerührt zeigt sich Breivik dann später schon - als sein “Tempelritter-Orden“-Videoclip vorgeführt wird. Dem 33-Jährigen treten Tränen in die Augen, als er das Machwerk wieder sieht, das er vor den Anschlägen von Oslo und Utøya mit 77 Toten im Internet hochgeladen hatte.

Breivik hatte in Verhören angegeben, Mitglied eines Tempelritter-Ordens zu sein. Die Ankläger gehen aber davon aus, dass dieses Netzwerk nicht existiert.

Man habe lange darüber diskutiert, ob der Film vollständig gezeigt werden müsse, führt Staatsanwalt Svein Holden aus, und sei zu dem Schluss gekommen, dass dies nötig sei. “Der Film kann dem Gericht einige Hinweise auch in Bezug auf Breiviks Erklärung morgen geben“, sagt Holden. Der Angeklagte wird an diesem Dienstag mit seinen Ausführungen beginnen.

Der rechtsradikale Islamhasser Breivik muss sich für den Tod von 77 Menschen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, im Juli 2011 in Oslo mit einer Autobombe acht Menschen getötet zu haben. Anschließend habe er auf der Insel Utøya in einem Feriencamp gezielt 69 junge Sozialdemokraten getötet. Breivik hat beide Anschläge gestanden, wertet sie aber seinem Verteidiger zufolge nicht als Verbrechen.

Er darf vor Gericht fünf Tage lang über seine rechtsradikalen Motive sprechen. Die Norweger erwarten schockierende Aussagen.

Die Richter sollen zunächst über die Schuldfähigkeit Breiviks entscheiden. In einem ersten Gutachten wurde er für unzurechnungsfähig erklärt, in einem zweiten bescheinigten die Experten ihm geistige Gesundheit. Vor Gericht wird Breivik laut seinem Anwalt sein Bedauern äußern, dass er nicht noch mehr Menschen tötete. Im Falle einer Verurteilung droht dem Angeklagten die Höchststrafe von 21 Jahren Haft.

Die Polizei riegelte zum Prozessauftakt die Straßen rund um das Gerichtsgebäude in Oslo ab. Rund 200 Journalisten, Überlebende der Anschläge und deren Angehörige verfolgten den ersten Verfahrenstag in einem Gerichtssaal, der extra für den Breivik-Prozess gebaut worden war. Der norwegische Fernsehsender NRK wird Teile des Gerichtsprozesses übertragen. Die Aussage von Breivik darf allerdings nicht gezeigt werden.

sr/dapd/dpa

 

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