Nockherberg-Interview

„Politiker sind doch schnuckelig“

Eine Wellenlänge: Helmut Schleich und Luise Kinseher (li.) sind Satire-Profis. Er gründete 1983 sein erstes Kabarett und brillierte am Nockherberg bereits als Strauß und Kurt Beck – sie ist außerdem Schauspielerin („Tatort“, „Café Meineid“, „München 7“). Immens erfolgreich war Alfons Biedermanns (2. v. re.) Zusammenarbeit mit Bully Herbig. Der 40-jährige Singspiel-Autor verfasste als Co-Schreiber die „Bullyparade“ sowie „Der Schuh des Manitu“, „(T)Raumschiff Surprise“ und andere Kinoknüller. Rechts Merkur-Redakteur Johannes Löhr.

München - Als Casting-Show für Politiker kommt es heuer daher, das Singspiel beim Derblecken auf dem Nockherberg am kommenden Mittwochabend (BR, 19 Uhr).

Der Clou: In der Jury sitzen Franz Josef Strauß und die Bavaria. Die Kabarettisten Helmut Schleich und Luise Kinseher sowie der neue Autor Alfons Biedermann sprechen über das moderne Konzept.

Herr Biedermann, Sie haben ein Werbe-Video für das Nockherberg-Singspiel gedreht. Darin hetzen Sie Horst Seehofer alias Wolfgang Krebs zur Vorbereitung durch ein mörderisches Fitness-Training. Er keucht: „Der Biedermann ist ein Schwein!“ Haben Sie auch ein bisschen Mitleid mit den Politikern?

Biedermann: Ich finde sie auf ihre Art doch total schnuckelig und habe auch ein bisserl Verständnis für sie. Wenn es uns gelingt, sie im Singspiel so darzustellen, dass sie das Gefühl vermitteln: Wir sind schon ganz schön crazy, aber doch auch Menschen – das wäre für mich ein schönes Gefühl. Und Seehofer hat sich ja für unser Casting qualifiziert.

Sie inszenieren Ihr erstes Singspiel als Politiker-Casting-Show – mit einer ganz besonderen Jury.

Biedermann: Genau. In der Jury sitzen die bayerische Schutzpatronin Bavaria und Franz Josef Strauß.

Schleich: Wir haben die Aufgabe, den rauszufinden, der das Zeug dazu hat, Bayern und Deutschland in die Zukunft zu führen – als der Super-Politiker. Und wer könnte das besser entscheiden als der selbsternannte Super-Politiker Strauß?

Luise Kinseher: Moment mal: Ich bin die letzte Instanz.

Schleich: Das habe ich gar nie in Zweifel gezogen, Du hast mich nicht ausreden lassen. Ich wollte den Satz fortsetzen mit: Und natürlich die Landesmutter Bavaria.

Was sind denn Ihre Auswahl-Kriterien?

Kinseher: Dein Maßstab ist natürlich das ganz knallharte Polit-Handwerk.

Schleich: Aus Strauß’scher Sicht. Er hat ja eine eigene Auffassung davon gehabt, wie Polithandwerk funktioniert: Manus manum lavat. Eine Hand wäscht die andere.

Kinseher: Und ich bin mehr der mütterliche Typ, der versucht, das Positive zu sehen und auch im Scheitern noch etwas zu entdecken, das sich günstig auf die Jury-Entscheidung auswirken könnte.

Schleich: Wir haben auch noch ein drittes, etwas jüngeres Jury-Mitglied. Biedermann: Aber das verraten wir noch nicht.

Wie kam’s zu der Idee?

Franz Josef Strauß, die Bavaria und der Chef: (v. re.) Helmut Schleich, Luise Kinseher und Singspiel-Autor Alfons Biedermann im Gleichschritt.

Biedermann: Ich habe mir überlegt: Was kann man machen, damit es einen richtigen Sinn ergibt, dass die Politiker singen? Darum ist es so, wie man es aus einer Casting-Show kennt: Der Star muss sich mit einem Lied präsentieren, und dabei kann er auch ein bisschen mehr geben, als er sich sonst trauen würde im Bundes- oder Landtag. Wir haben für jeden Politiker einen Song komponiert, nicht einfach eine Melodie genommen und einen neuen Text draufgequetscht.

Wie viele Politiker werden da antreten?

Schleich: Wie viele Politiker würden Sie denn als potenzielle Super-Politiker in Deutschland ansehen?

Da wäre Ihr Stück wohl nach fünf Minuten aus . . .

Biedermann: Es haben natürlich ein paar geschafft, wo man sich fragt: Wie sind die überhaupt so weit gekommen? Aber das ist bei einer Wahl ja auch nicht anders. Du kannst oft nur zwischen zwei Übeln wählen.

Schleich: Und manche, wie Jürgen Rüttgers, hätten wir uns auch nicht leisten können. Es wäre einfach zu teuer gewesen, den für eine Stunde zu kaufen.

Guido Westerwelle haben Sie immerhin bekommen. Wer wird ihn darstellen, nachdem Holger Paetz aufgehört hat?

Biedermann: Ein Musical-Darsteller aus Hamburg, Robin Brosch. Er spielt in einem Theater auf der Reeperbahn, wo auch Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth, mit denen zusammen ich die Songs entwickelt habe, ein modernes Musical laufen haben. Der Hammer, das ist der Westerwelle par excellence!

Herr Schleich, was ist wichtig für Parodien auf dem Nockherberg?

Schleich: Sie funktionieren in erster Linie über die Optik. Es ist das Wichtigste, dass die Leut’ runtergerissen so ausschauen. Ob sie dann jede Nuance des Duktus treffen, ist gar nicht so wichtig. Bei der Corinna Duhr bin ich mal dermaßen erschrocken: Ich dachte, die Merkel sitzt in der Garderobe.

Der Parade-Ude Uli Bauer ist heuer nicht mit dabei. Warum haben Sie sich damals nicht geeinigt?

Biedermann: Das ist schon so lang her, und es ist mir auch egal. Wir haben für die Nummer André Hartmann besetzt – eine Super-Wahl. Er ist frisch, jung und neu.

Bauer war ja auch Singspiel-Autor. Haben Sie sich je von Paulaner eingeengt, gar zensiert gefühlt wie Ihre Vorgänger?

Biedermann: Ich finde die Kommunikation mit Paulaner einfach schön. Man trifft sich, man entwickelt was und man spricht drüber.

Herr Schleich, Sie sind zum vierten Mal dabei. Wie würden Sie den Unterschied zu vorher beschreiben?

Schleich: Es ist ein sehr offener, angenehmer Entstehungsprozess, weil es kein Problem ist, eigene Vorschläge einzubringen – eher im Gegenteil. Das gab es bisher nicht.

Biedermann: Ich bin auch sehr dankbar, dass ich mit dem Helmut und der Luise jemanden habe, mit dem ich über Texte reden kann.

Haben Sie von den beiden auch den satirisch-politischen Zugang gelernt?

Biedermann: Wenn da acht bis zehn Politiker auf der Bühne stehen, steht da doch sowieso Politik als Überbegriff. Sie spielen ja keinen Musikantenstadl. Ich beleuchte die Figuren aber von einer Seite, die vielleicht noch nicht so beleuchtet wurde. Es geht dieses Jahr auch mal in eine persönlichere Richtung.

Also weniger um tagespolitisches Geschehen?

Schleich: Darum ist es im Singspiel ja nie gegangen. Die Nockherberg-Rede ist der Teil, der die Typen direkt anspricht und ihnen eine mitgibt in ihrer aktuellen Arbeit. Und dann kommt das Singspiel – Alfons, Du hast einmal gesagt: als der versöhnliche Teil. Ganz so würde ich das nicht sehen. Versöhnen wollen wir uns ja mit denen eigentlich gar nicht. Es geht um die grundsätzlicheren Dinge. Was für eine Haltung haben diese Leute? Und das wird dieses Jahr finde ich sehr, sehr schön beleuchtet.

Kinseher: Es geht um Emotionen. Und wie kann man die besser ausdrücken als in einer Parodie, wo der Kern der Figur sinnlich wahrnehmbar ist?

Schleich: Man kann sagen: Die Rede ist der Kopf und das Singspiel ist der Bauch. Und der steht damit auch in einer sehr schönen Tradition süddeutsch-österreichischen satirischen Volkstheaters.

Kinseher: Jetzt hast’as aber eingeordnet.

Frau Kinseher, Sie sind zum ersten Mal dabei. Gefällt’s Ihnen so weit?

Kinseher: Ich fühle mich sehr wohl. Was ich gut finde: Der Alfons denkt sehr visuell, in Bildern, und stößt plötzlich auf Kabarettisten, die den Frontalkampf mit dem Publikum gewöhnt sind und die mit Bildern kaum arbeiten. Sonst haben wir nur eine schwarze Bühne, einen Stuhl, mehr nicht.

Schleich (mit bitterer Miene): Wir hatten ja damals nichts...

Kinseher: Eben, so kommt man wenigstens mal zu einem Bühnenbild. Ist doch schön! Schleich: Wir werden auch a bisserl was mitnehmen hinterher.  Eine Hand wäscht die andere.

Das Gespräch führte Johannes Löhr.

Kommentare