Oma mit Nachtsichtgerät auf Verbrecherjagd

London - Mit Kameras und Nachtsichtgeräten will eine Rentnerinnen-Truppe im britischen Leicester Drogendealer und andere Gangster das Fürchten lehren.

Seit drei Jahren prangern die Damen Fehlverhalten in ihrer Nachbarschaft im Internet an. Sie halten fest, wer ihr Viertel St. Peters mit Müll verschmutzt und wer verdächtige Päckchen austauscht - und stellen die Missetäter auf Online-Plattformen wie YouTube bloß. Es gehe darum, “etwas gegen die Probleme zu tun, die unser Viertel verschandeln - Müll und Graffiti, aber auch richtige Verbrechen“, sagt David Lawson, der Sprecher und einzige Mann der Gruppe. Auch vom Alter her passt der 27-Jährige nicht so recht ins Bild, denn seine Mitstreiterinnen sind zwischen 67 und 92 Jahren alt.

Aber Lawson sorgt dafür, dass alles funktioniert: Er hat die Technik so vorbereitet, dass die Frauen, wie er sagt, “nur noch den Aufnahmeknopf drücken müssen“. Bilder von schwereren Verbrechen werden an die Polizei übergeben, um sie bei ihren Ermittlungen zu unterstützen. Seit kurzem wird auch der Kurznachrichtendienst Twitter genutzt. Die Worte auf der Webseite der Gruppe sind mit Bedacht gewählt, um diejenigen, die auf den Fotos abgebildet sind, nicht voreilig eines Verbrechens zu beschuldigen. Den Vorwurf der Selbstjustiz weist Lawson zurück. “Wir nennen diese Menschen nicht Drogendealer. Wir bringen die Menschen dazu, sich ihr eigenes Urteil zu bilden.“

Bewundernswerte Courage oder Leichtsinn?

Viele bewerten die Überwachungsaktion der Gruppe positiv. So schrieb ein Kolumnist des “Daily Telegraph“, Michael Leapman: “Es fällt schwer, ihre Courage und ihre Entschlossenheit, Geißeln wie Drogenhandel und willkürlicher Gewalt die Stirn zu bieten, nicht zu bewundern.“ Doch es gibt auch kritische Stimmen. Die Arbeit der Gruppe sei riskant, warnt der Kriminologe James Treadwell. Sie könne gefährliche Folgen haben für Menschen, die fälschlicherweise als Kriminelle bezeichnet würden, aber auch für die Rentnerinnen selbst, wenn sie beispielsweise Drogendealer verärgerten. “Ich nenne sie Mitglieder einer Bürgerwehr. Sie sind nicht an rechtliche Grundsätze, Normen oder Gerichtsverfahren gebunden“, sagt Treadwell.

Im Mai geriet die Gruppe in negative Schlagzeilen. Eine 80-jährige Frau aus der Gegend wurde mit einer Geldstrafe belegt, weil sie angeblich Brot und anderes Essen vor ihrem Haus ausgekippt hatte. Sie selbst erklärte, sie habe nur Vögel gefüttert. Zwar wurde diese Frau von einem Ordnungshüter und nicht von den Rentnerinnen entdeckt, letztere befürworteten aber die Strafe und wurden dafür kritisiert. Nach Angaben des Stadtrats von Leicester haben die Aktionen der Gruppe bislang nicht dazu geführt, dass jemand bestraft wurde. Lawson glaubt aber trotzdem an den Erfolg der gemeinsamen Arbeit: “Wir wissen, dass das, was wir tun, die Leute abschreckt. Nachdem wir mit dem Filmen angefangen haben, hat sich die Häufigkeit von Verschmutzung durch Müll entscheidend verringert.“

dapd

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