Pflegemitarbeiter holen vereinsamten schwerbehinderten Mann von Polen nach Stederdorf

Neuanfang im Seniorenheim

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Im Seniorenwohnheim in Stederdorf, in dem Mutter Izabela Kwiatkowska (3. von links) arbeitet, hat Przemek (4. von links) vorerst ein neues Zuhause gefunden. Die Mitarbeiter kümmern sich rund um die Uhr um ihn.

Stederdorf. Przemek Kwiatkowski war ein junger Mann wie Millionen andere in seinem Alter: Er hatte Träume, fuhr gerne Auto und unternahm Dinge mit seinen Freunden – bis den damals 20-Jährigen vor fünf Jahren ein schwerer Autounfall aus dem Leben riss.

Przemek kam in Polen von der Straße ab, wurde aus dem Auto geschleudert und landete mit dem Kopf auf einem Stein, der seinen Schädel förmlich zerschmetterte und das Gehirn zu großen Teilen für immer zerstörte.

Nach drei Monaten im Koma und mehreren Operationen kam Przemek in ein polnisches Pflegeheim, in dem die Mitarbeiter ihn aber weitgehend sich selbst überließen. Für seine Mutter Izabela, die im Stederdorfer Seniorenwohnheim an der Stederau arbeitet, wurde die Situation immer unerträglicher. Bis ihre Kollegen von Przemek erfuhren – und handelten.

„Sie wurde immer trauriger und hat viel geweint“, erinnert sich Christian Selzer an die Situation vor einigen Monaten. Niemand ahnte bis dahin, wie schlimm es um den einzigen Sohn seiner Kollegin wirklich stand. „Sie hat uns erzählt, dass Przemek sein Geschäft in seinem Bett verrichten muss, weil sich niemand um ihn kümmert“, sagt Selzer. Für das Pflegepersonal an der Stederau war sofort klar: „Wir müssen handeln.“

Nachdem die Heimleitung zugestimmt hatte, spendeten die Pfleger Überstunden und Geld aus ihrem Privatvermögen. Am 22. September fuhren sie mit dem Wohnmobil 1124 Kilometer nach Krasnobrod, holten Przemek ins Stederdorfer Wohnheim, wo der 25-Jährige jetzt ein Zimmer bewohnt. Während der ganzen Rückfahrt saß Izabela Kwiatkowska auf dem Boden vor dem Bett ihres Sohnes und hielt seine Hand. „Ich bin so dankbar und glücklich, dass er endlich bei mir ist“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Seit Przemek hier ist, macht er große Fortschritte. „In Polen hatte er oft Wutausbrüche“, erklärt Pflegerin Sarah Grope. „Die werden immer weniger. Und er lacht viel mehr.“ Auch die Senioren haben sich an ihren neuen Nachbarn gewöhnt und verwöhnen ihn mit Süßigkeiten.

Stück für Stück soll sich Przemeks körperlicher Zustand verbessern. Seit Kurzem macht er Krankengymnastik, weil seine Sehnen durch das ständige Liegen in Polen verkürzt sind. Auf dem rechten Auge ist er blind. „Wir hoffen aber, dass sein Augenlicht zurückkehrt“, gibt sich Christian Selzer optimistisch. Zuerst stehen aber Operation und Reha an, bei der Przemek einen „Deckel“ bekommt, der sein Gehirn schützt. Alle hoffen, dass sich Przemek so gut entwickelt, dass er irgendwann in ein Wohnheim für Behinderte verlegt werden kann. Weil es von Krankenkassen und Sozialamt derzeit noch keinerlei Unterstützung gibt, ist Przemek auf jede Hilfe angewiesen, die er bekommen kann. Wer helfen will, kann sich ans Pflegeheim unter (0 58 02) 9 66 13 wenden.

Von Sandra Hackenberg

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