Bestens integriert in Deutschland – doch junge Asylbewerberin aus Nettelkamp wurde abgeschoben

Sie holten Albina mitten in der Nacht

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Etwa ein Jahr lebte die montenegrinische Asylbewerberin Albina Bahovic, hier mit Ute Koslowski, einer Freundin der Familie, in Nettelkamp. Jetzt wurde die 20-Jährige mitten in der Nacht von der Polizei abgeholt und in ihr Heimatland abgeschoben.

Nettelkamp. Die Polizei kommt um 5 Uhr morgens und lässt sich nicht lange bitten. Zwölf Beamte durchsuchen die Wohnung der montenegrinischen Asylbewerber-Familie Bahovic in Nettelkamp. Im Mädchenschlafzimmer werden sie fündig.

Sie überbringen Albina, der ältesten Tochter, die Botschaft: Die 20-Jährige muss unverzüglich ihre Sachen packen, denn sie wird noch am selben Tag per Flugzeug in ihre Heimat abgeschoben. Ihr Asylantrag ist abgelehnt worden – in Deutschland darf die junge Frau nicht länger bleiben. Inzwischen lebt sie bei ihrer Oma in einem Dorf in Montenegro.

Auch drei Wochen nach diesem Polizei-Einsatz ist Familie Bahovic noch immer geschockt. „Wir hatten Angst, als die Polizisten plötzlich vor uns standen“, erzählt die 17-jährige Raba, zweitälteste Tochter der siebenköpfigen Familie. „Wir befürchten jeden Tag, dass sie wiederkommen.“ Zusammen mit Vater Sead, Mutter Hedija und drei weiteren Geschwistern im Alter von sechs bis 15 Jahren wohnt Raba vorerst weiter in Nettelkamp. Das Asylverfahren der Familie, die seit Juli 2015 in Deutschland lebt, läuft nämlich getrennt von dem der volljährigen Albina. Doch die Bahovics rechnen damit, dass auch sie bald abgeschoben werden. Die Aussicht auf Asyl ist gering, weil Montenegro als sicheres Herkunftsland gilt.

Albina vermisst ihre Familie sehr, sagt Raba. „Wir telefonieren jeden Tag miteinander. Albina ist sehr traurig und möchte wieder zurück nach Deutschland.“ Denn hier sieht sie ihre Zukunft. Die 20-Jährige ist sehr gut integriert, spricht fließend Deutsch, hat die Berufsbildenden Schulen (BBS) II in Uelzen besucht und in ihrer Freizeit ehrenamtlich beim Jugendmigrationsdienst und im Uelzener Senioren- und Pflegeheim Mantra gearbeitet. Dort hätte sie am 1. August eine Ausbildung zur Altenpflegerin beginnen können – die Zusage für die Lehrstelle lag ihr vor. Auch einen Schulplatz an den BBS II hätte die junge Frau sicher gehabt. Doch daraus wird nun nichts.

Entsprechend wütend ist Heidrun Jäger, Pflegedienstleiterin bei Mantra. „Für uns ist es unverständlich, warum Albina trotz allem Bemühen und in Hinsicht auf den großen Pflegenotstand vom Landkreis Uelzen zur Ausreise genötigt wurde“, kritisiert sie. Dem schließt sich die Bevenserin Ute Koslowski, eine Freundin von Albina, an. „Warum wurde sie abgeschoben? Zwei Anträge auf Aufenthaltsgenehmigung laufen doch noch. Das Gericht hat noch nicht endgültig darüber entschieden“, empört sie sich und spricht von Willkür des Landkreises.

Die Kreisbehörde verteidigt indes ihr Vorgehen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge habe Albinas Asylantrag „als offensichtlich unbegründet abgelehnt“, teilt Kreissprecher Marcus Christ auf AZ-Anfrage mit. Deshalb sei die Abschiebung angeordnet worden. Es sei „gerade der Sinn der sofortigen Vollziehbarkeit, dass die Entscheidung in der Hauptsache, also das Urteil, nicht abgewartet werden muss“. Denn Albinas Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz habe das Gericht abgelehnt.

Das kann Koslowski nicht verstehen. „Albina wäre eine Bereicherung für Deutschland“, sagt sie. „Sie wird hier dringend gebraucht – und wird einfach herausgerissen.“

Von Bernd Schossadowski

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