Feldrundfahrten und gesellschaftspolitische Themen: 125 Jahre Landwirtschaftlicher Verein Wieren und Umgegend

Es geht nicht nur um Landwirtschaft

19. Februar 1888: Auszüge aus dem Gründungsprotokoll des Landwirtschaftlichen Vereins Wieren.

ds Wieren. Auf den Tag genau vor 125 Jahren wurde der älteste noch bestehende Verein in Wieren aus der Taufe gehoben. An einem Sonntag, 19. Februar 1888, wurde von 51 tatkräftigen, fortschrittlichen Landwirten der Landwirtschaftliche Verein Wieren und Umgegend im „Besenthalschen Gasthaus zu Wieren“, dem heutigen Gasthaus „Alt Wieren“, gegründet.

Das Gründungsprotokoll hat unter anderem folgenden Wortlaut: „Schon längere Zeit hegten Landwirte von Wieren und Umgegend den Gedanken, einen Landwirtschaftlichen Verein zu gründen, denn man erkannte wohl den Nutzen eines solchen Vereins, den Segen eines gemeinsamen Arbeitens. “ Folgerichtig heißt es im ersten Statut auch: „Zweck des Vereins ist zunächst Förderung der landwirtschaftlichen Interessen seiner Mitglieder, sowie der Landwirtschaft überhaupt und zwar im weitesten Umfange des Worts. Zur Erreichung dieses Zwecks sichern sich die Mitglieder des Vereins ihre gegenseitige Mitwirkung zu, namentlich soll eine gegenseitige Mittheilung der im Gebiete der Landwirtschaft gemachten Erfahrungen verbunden mit Demonstrationen, Austauschen von bezüglichen Ansichten, Besprechung und Erörterung interessanter landwirtschaftlicher Fragen stattfinden. “.

Der erste von einem Bulldog gezogene Mähdrescher mit Walther Pommerien aus Emern (hinten).

Schon um die Jahrhundertwende zählte der Verein 100 Mitglieder. Aus dem Verein heraus erfolgten schnell die Gründungen zahlreicher Genossenschaften in Wieren, wie Molkerei, Saatbau, Spar- und Darlehnskasse, Viehverwertung und Verladegenossenschaft. Waren schon bei der Gründung Mitglieder aus Wrestedt, Stederdorf, Nettelkamp und sogar Oldenstadt und Molzen dabei, kommen die aktuell 200 Mitglieder insbesondere aus dem Bereich der Gemeinde Wrestedt. Waren die Mitglieder in den Gründerjahren fast ausschließlich „Hofbesitzer“, wie es in den Mitgliederlisten heißt, sind heute noch 45 „aktive“ Landwirte im Verein dabei. Neben den speziellen landwirtschaftlichen Themen und gegenseitiger Unterstützung wurde das Vereinsleben schnell um Bildungsfahrten und festliche Bälle ergänzt. Diese Angebote sind auch nach 125 Jahren noch immer beliebt. Da sich der Verein immer mehr als Interessenvertreter der ländlichen Region mit Mitgliedern aus allen Berufszweigen verstand, wurde das Vereinsangebot neben den betriebswirtschaftlichen auf gesellschaftspolitische und kulturelle Angebote ausgeweitet. So wurde schon 1924 die Verbesserung des Post- und Fernmeldewesens auf dem Land gefordert. Fragen wie „Zonengrenzland – was wird aus dir?“, „Ökologischer Landbau“ oder „Nutzung der Atomkraft“ waren schon häufig Themen im Verein bevor sie hochaktuell wurden. Feldrundfahrten, Radtouren in den Landeshauptstädten, Tagesexkursionen, mehrtägige Studienfahrten, Dichterlesungen und Theaterbesuche gehören genau wie Podiumsdiskussionen zu den jeweiligen Wahlen zum Angebot.

Auch das gehört zur Geschichte dazu: 1933 wurde der Verein zwangsweise aufgelöst und in den „Reichsnährstand“ eingegliedert. Aber schon 1946 wurde der Verein wieder reaktiviert. Seit 1949 ist die Landjugendgruppe Wieren ein wesentlicher Teil des Vereins. Unvergessen ist auch das „Dürrejahr“ 1959. Der Verein war danach maßgeblich an der Planung von Feldberegnungsanlagen beteiligt. Auf Kontinuität im Vorstand, aber auch entschiedenes Umsetzen neuer gesellschaftlicher Entwicklungen ist der Verein stolz. So gab es in den 125 Jahren nur sieben Vorsitzende und gar nur vier Geschäftsführer und mit Andrea Behn steht eine Frau dem Landwirtschaftlichen Verein vor.

Zu einem Jubiläum gehören besondere Veranstaltungen. So wird auf dem traditionellen Festball am 23. Februar im Landgasthof Grützmacher in Ostedt „gestern – heute – morgen“ das Thema sein.

Die Jubiläumsgeneralversammlung findet am Freitag, 1. März, ab 16 Uhr im Gasthaus „Alt Wieren“ statt. Der verbale und fotografische Rückblick wird durch die dann fertig gestellte fast 100-seitige Chronik mit vielen Dokumenten und Fotos für alle geschichtlich interessierten Bürger und Mitglieder ergänzt. Werner Hilse, Präsident des niedersächsischen Landvolksverbandes, wird mit seinem Referat „Spannungsfeld Verbraucher und Landwirtschaft“ den Bogen zur Gegenwart spannen.

Kommentare