Wonnemonat

Morgen ist 1. Mai, und damit beginnt der Monat, der „Wonnemonat“ heißt und „Wonne“ natürlich in Bezug zu Liebe gesetzt wird. Siehe der sprunghafte Sieg der Verlobungs – und Hochzeitsmeldungen über die Todesanzeigen auf den Familienanzeigenseiten (m)einer Zeitung.

„Wonne“, das meint laut „Wahrig“: Beglückenden Genuß, tiefe Freude, inniges Vergnügen, das Mann an Frau und Frau an Mann und Mann an Mann und Frau an Frau haben kann. Kaum jemand hat die politischen Reden am 1. Mai als „wonnig“ empfunden, höchstens sind die mitmarschierenden Kinder zur 1.-Mai-Kundgebung und im 1.-Mai-Umzug die Wonne ihrer Väter und Mütter.

Kaum dass die Politik der Gewerkschaften am 1. Mai vorbei ist, bricht sie sich Bahn: Die Wonne der Liebe und der Mai ist die hohe Zeit der Hoch-Zeiten.

Ihnen, den Hochzeiten dieses Monats (und nicht nur der der eigenen Tochter mit dem liebenswerten neuen Schwiegersohn ) ist diese Kolumne gewidmet.

Im Althochdeutschen meinte „hochgezit“, die hohe Zeit, und „hochziten“ jedes weltliche und kirchliche Fest. Anders, wenn früher Mann und Frau, die „Ehe“ eingingen, früher geschrieben als „ewa“ und manchmal nur als „e“ (mit Hütchen). Damit war das ewig geltende Recht für eine Verbindung umschrieben, denn ewa und e sind etymologisch stammverwandt mit „ewig“ und das sollte die Liebe sein als Grundordnung des Lebens.

Im Niederdeutschen ist „Hirat“ (woraus unsere neudeutsche „Heirat“ wuchs) wesentlich nüchterner und umschrieb nur die Einkäufe und den Tausch von Haushaltsgeräten zwecks Gründung eines Hausstandes. Noch nüchterner beschrieb dann das Wort von der „Vermählung“ die Liebe, denn „mahel“ oder „mal“ meinte das Gericht, das die juristische Verbindung betont.

Die kirchliche Trauung erlitt unter Papst Leo I. (440-461) einen Dämpfer. Sein damals vorgelegtes Formular, das die Trauung ín den Rang eines Sakramentes heben sollte, blieb privater Wunsch und wurde nur lokal genutzt.

Aber dann: Im 12. Jahrhundert wird Trauung offiziell ein kirchliches Sakrament – und funktionierte doch nur wie die germanische Eherechtsordnung. Und diese – war noch immer nicht die endgültige Ehe. Diese wurde erst nach der fleischlichen Vereinigung des Paares („lat. copula carnalis“) bestätigt. Erst die Wonne fleischlicher Lüste war der Punkt auf dem i, weltliche Absprache und kirchliche Trauung waren Vorstufen.

Es waren auch profane, geschichtliche Gründe, weswegen die christlichen Kirchen bis in die 60-er Jahre hinein Geschlechtsverkehr vor der Trauung als peinlich bis skandalös ansahen. Lieber Gott, wie flexibel war die Wonne doch früher und heute wieder!

Die 2. Strophe des vom Bevenser Pastor Justus W.Lyra 1842 komponierten Liedes „Der Mai ist gekommen“ (Text v. E. Geibel) ließ das Kind Dorothea immer heftig weinen: Herr Vater, Frau Mutter, dass Gott euch behüt, wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht…“ Jetzt kennt sie inzwischen ihr Glück und ihr Mann seines. Im Wonnemonat Mai.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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