„Wem viel gegeben ist...“

Birgit Hagen

„Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ (Lukas 12, 48).

Medizinisch ist heute unglaublich viel möglich. Frühst-geborene Kinder haben Lebenschancen und höchstbetagte Menschen können Lebenstage dazugewinnen. Wo Operation und Genesung gut verlaufen, ist das wunderbar. Wo aber schwere Komplikationen eintreten oder der Körper zeigt, dass er doch zu schwach zum Leben ist, wird es leicht als Scheitern erlebt. Es ist nicht einfach, damit angemessen umzugehen. Wir haben heute großartige Möglichkeiten, aber es wird auch viel von uns gefordert, wenn es darum geht, die richtige Entscheidung zu treffen. Die Entwicklung können wir nicht zurückdrehen und alles Wissen und Können verkümmern lassen. Gott hat uns das Leben geschenkt, damit wir mit unseren Fähigkeiten etwas daraus machen. Aber wir sind dadurch nicht zu Schöpfern des Lebens geworden. Mit all unseren großartigen Begabungen bleiben wir sterbliche Geschöpfe, die ihrem Schöpfer und ihren Mitmenschen gegenüber verantwortlich sind für das anvertraute Geschenk des Lebens. Das ist eine große Verantwortung, die wir nicht den Fachleuten und Spezialisten überlassen dürfen. Wir können sie wahrnehmen, indem wir uns nicht erst im Notfall mit der Begrenztheit des Lebens und den vorhandenen medizinischen Möglichkeiten auseinander setzen. Es ist wichtig, dass wir uns in den Gemeinden mit medizin-ethischen Fragen wie Pränataldiagnostik, Patientenverfügung und –vollmacht oder Organspende beschäftigen. Und dass wir dazu das Gespräch darüber, was wir unter Leben verstehen, neu aufnehmen. Es ist nötig, dass wir mit denen, die uns nahe stehen, über unsere Vorstellungen vom Leben, vom Sterben und vom Tod sprechen. Eine eigene, von uns zu verantwortende Meinung zu bilden und sie mitzuteilen, das kostet einige Mühe und garantiert auch nicht, dass dann alles ganz einfach ist. Und doch lohnt es sich – für jede einzelne und für die ganze Gesellschaft. Es dient einem verantwortungsvollen menschlichen Umgang mit dem Leben, dem größten Geschenk, das uns von Gott anvertraut ist.

Pastorin Birgit Hagen ist Klinikseelsorgerin im HGZ Bad Bevensen.

Von Birgit Hagen

Kommentare