Weiter-Geschenke

Neben der Freude, wenn mir etwas geschenkt wird, breitet sich in meinem längeren Leben auch ein Problem aus: Wenn ich zu dem Geschenk ganz und gar nicht passe oder das Geschenkte schon mehrfach habe und das Geschenk – weiter verschenke.

Dies Weiterverschenken hat jetzt mehrfach erhebliche problematische Folgen gehabt. Z.B.das Geschenk von Tante Ulrike. Tante Ulrike ist leidenschaftliche Meeres-Strandanbeterin, lebt aber in Hannover City und kompensiert ihre Liebe zum großen Meer täglich am Maschsee in Hannover. Vor gut einem Jahr schenkte sie mir einen Bildband mit Photographien von verschiedenen Meereslandschaften. Sonne auf Wasser, Wasser im Sturm, Möwe über Wasser. Eben so was halt. Ein Riesengeschenk, ca. 40 x 55 cm Querformat.

Tante Ulrike in Hannover wusste, dass ich gerne segele. Was sie nicht wusste, dass Segler, zumal ältere Segler, schon ihr eigenes Leben lang eigene Wasserbücher kauften, geschenkt bekamen, inzwischen selbst dank digitaler Phototechnik herstellen. Ein älterer Segler ersäuft in Büchern über Wasser und seinem Umfeld. Deshalb schenkte ich den Wasserschinken an Schwager Friedrich weiter (auch Segler). Nicht daran denkend, dass es Familientage für beide Familien gibt, wo die Leute einander treffen, erzählen, sich austauschen. Und so erzählte Friedrich der angeheirateten Tante Ulrike (sie treffen sich in der Liebe zum Wasser), was für ein großzügiger Schenker ich sei und schilderte die Gabe. Dass Tante Ulrike uns zum letzten Weihnachtsfest nicht mehr schrieb, geschweige etwas schenkte, war ein kleineres Problem.

Das größere Problem ist, dass das Problem der Weiter-Geschenke nicht nur meines ist, sondern in der Familie liegt, deren Milieu einen schließlich prägt. Tante Sigrid in Bielefeld löste ein solch größeres Problem aus: Christine schenkte ihr kürzlich eine Dreierpackung mit Tee-Sorten. In die eine Tüte steckte sie einen durchaus nennenswerten Betrag in Form einer (grünen) Banknote. Tante Sigrid ist Diakonisse und häufte niemals Geld. Nun bedankt sich Tante Sigrid eigentlich immer sehr schnell und überschwänglich. Aber ausgerechnet diesmal nicht. Christine fragte – ganz vorsichtig, taktvoll – nach, ob das Teegeschenk angekommen sei und Sigrid bestätigte dies mit rotem Kopf und vielen Entschuldigungen (Grippe und so).

Ursula, Tante Sigrids Freundin aus dem Nachbarzimmer im Diakonissenhaus, fügte dann beiläufig hinzu, dass Sigrid oft gerade Nahrungsmittel wie Tee weiterschenke. An noch Bedürftigere wie z.B. Studenten aus Migrationsfamilien, Praktikanten im Krankenhaus…

Wir stellen uns hier in der Heide den freudigen Schrei in Bielefeld vor, mit dem sich jemand freute über ein großzügiges Geld-in Tee-Geschenk. Und sich wunderte, daß eine Diakonisse Geld über hat.

Hans-Helmut Decker-Voigt war von 1990 bis 2010 Mitbegründer und Gründungsdirektor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und ist seit 1997 Präsident der Herbert von Karajan-Stiftung Köln. Er ist per E-Mail erreichbar unter

Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter

az-online.de/kolumnen.

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