Die Vertrautheit der Winterkirche

In diesen Tagen findet die „Winterkirche“ in vielen Gemeinden ihr Ende. Die Zeit des Ausweichens in die leichter zu beheizenden Gemeindehäuser ist vorbei. Wieder in der Kirche Gottesdienste zu feiern, darüber freue ich mich.

Ich habe aber auch die Vertrautheit und Nähe in unserer „Winterkirche“ sehr genossen. So steckt in allen notwendigen Veränderungen immer auch eine Chance. Ganz ähnlich geht es da der Leonhardsgemeinde in Stuttgart, die ihre große Kirche in den kalten Wintermonaten noch aus einem ganz anderen Grund geräumt hat. Die Kirchenbänke mussten weichen und Tischen Platz machen, damit täglich 800 Personen, obdachlos oder am Existenzminimum, dort zum Essen zusammenkommen können. 600 Ehrenamtliche engagieren sich, inklusive Ärzte, Tierärzte, Frisöre. Alle sind stolz und dankbar für das, was sie leisten; und die Kirchengemeinde tut das, wofür sie da ist: Sie öffnet ihre Tore und hilft. Und doch würde die zuständige Pastorin in diesen Tagen, da die Kirche wieder für den normalen gottesdienstlichen Gebrauch umgebaut wird, gerne mitteilen, dass man diese „Winterkirche“ im nächsten Jahr nicht mehr braucht. Denn genau genommen, resümiert sie, ist die Zahl von 800 Gästen jeden Tag ein Skandal in unserem reichen Land. Man mag sich daher freuen über Kirchengemeinden, die überall, in Stuttgart oder bei uns, soziale Arbeit für die Ärmsten leisten. Eine gerechte Gesellschaft sieht gleichwohl noch anders aus.

Ulrich Hillmer ist Pastor an der evangelisch-lutherischen St.-Johannis-Kirchengemeinde am Stern in Uelzen.

Von Ulrich Hillmer

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