Über die Baumkronen des Alltags streichen

Stellen Sie sich vor: Sie gehen im Wald spazieren. Viele Menschen lieben es. Sie genießen den unmittelbaren Kontakt mit der Natur, vor allem die Pracht der Farben mit dem überwiegenden Grün, das sowohl die Augen wie auch die Seele seine heilsame Wirkung spüren lässt.

Nun wird Ihre Vorstellungskraft ein bisschen mehr herausgefordert: Sie gehen über den Wald spazieren. Der gewohnte Anblick des Waldes ändert sich. Jetzt können Sie auf die Bäume herabschauen. Die Perspektive ist anders. Nicht die Bäume sind über Ihnen, sondern Sie sind über den Bäumen… wie die Vögel. Übrigens, ein solches Projekt wird in Wirklichkeit geplant und zwar in unserem Landkreis in Ebstorf. Auf bis zu ca. 33 Meter hohen Stahlträgern soll sich der Baumwipfelpfad befinden, aus dem man über die Baumkronen hinweg Ausschau halten kann. Das Bild der veränderten Waldperspektive kann aber gut unsere Lebensweise veranschaulichen… nämlich unser Verhältnis zum Sonntag als Ruhe- und Feiertag. Wenn wir den Alltag mit dem Spaziergang durch den Wald vergleichen, dann können wir den Sonntag mit dem Streifzug auf dem Baumkronenpfad gleichsetzen. Wir brauchen eine regelmäßige Auszeit, eine heilige Pause von der Hektik der Arbeitswoche und der Mühe des Schaffens, auch wenn uns die Strapazen der Arbeit nicht unbedingt immer so mühsam vorzukommen scheinen. Wir benötigen einmal in der siebentägigen Woche einen Tag, der anders ist als die anderen. Wir bedürfen des Blickwechsels auf unser Leben, das mit Sekunden, Minuten, Stunden und Tagen besteht, um es mal anders mit einem veränderten, ja einem verwandelten Anblick wahrzunehmen. So können wir den lebenswichtigen Scharfblick über den Sinn und Bedeutung unseres Lebensinhaltes bekommen, indem wir das ganze Panorama des Lebens mit unseren Augen umarmen und wieder die Schönheit unseres Daseins entdecken. Nicht zuletzt können wir dank der Fernsicht aus der Höhe des freien und verehrten Sonntags auch mit immer mehr Lebensmut und Hoffnung in die Zukunft schauen. Grund genug, um die Blickperspektive einmal in der Woche zu wechseln. Darum „erhebe ich meine Augen zu dir, Herr“ (Ps. 123,1). Von Dariusz Burdalski Dariusz Burdalski gehört dem Orden der Franziskaner-Minoriten und ist Kaplan in der katholischen Pfarrgemeinde „Zum Göttlichen Erlöser“ in Uelzen. Das Wort zum Sonntag finden Sie auch im Internet unter az-online.de/lokales/kolumnen

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