Traum-Versteigerung

Es war immer schon mein Traum: An einer Auktion dabeizusein und jetzt war ich da: In der „Traum-Versteigerung“, die zugunsten des sozialen Projekts in der Woltersburger Mühle in eben dieser stattfand. Ich werde – wenn sich das wiederholt – wieder hingehen.

Nein, nicht wegen der Dinge, die sich da ersteigern lassen. (Obwohl ich erfolgreich war und die drei wunderhübsch gekleideten Biedermeier-Puppen, gestiftet von Reinhard Schamuhn, jetzt neben den Fotos meiner drei Frauen, eine Frau und zwei Töchtern, kein Biedermeier, stehen. ) Nein, nicht deswegen eile ich wieder hin, sondern wegen des Auktionators.

Heinz-Werner Lehmann war das und ich kannte nur Berichte von seinen Opern-Vorträgen, die selbst die ebenso kompetente wie kritische Barbara Kaiser in höchsten Tönen hochleben ließ, was selten ist (ich gehöre zu denen, über die sie mit mehr tiefen Tönen schreibt). Nein, dieser Mensch ist ein Phänomen allein schon dadurch, dass er in einem früheren Leben wirklich und nachweisbar Vorstandsvorsitzender einer Versicherung, gewesen sein soll. Und es spricht für unsere namentlich stadteigene Uelzener Versicherung, dass sie so einen bunten Papageno auf den Chefsessel holte. Der eben auch noch Opern singen können sollte. Und darüber noch klug reden.

Ich kriegte alles auf einmal: Ersteigertes, Opern (-ausschnitte), höhere Rede-Kunst und eine Flut von abenteuerlichen Assoziationen, die Lehmann alle mit Schüttelreimen versah, die er an die zu ersteigernden Objekte anband. An alle! Restaurant-Essensgutscheine, Beratungsgutscheine von Architekten, Gutscheine für freigewählten Kreisvolkshochschulkursus (manche muss man ja aus Bildungsgründen), für künstlerische Bildhauerei (es gibt ja auch andere). Gutscheine für Baumpflanzen und Baggerfahren und Massage (versprach sich dieser Opern-Versicherungs-Bühnenvirtuose beim Letzteren oder hörte ich falsch? Denn zunächst klang die Fußreflexzonenmassage für mich auf der letzten Bank eher nach Fußreflex-Zungenmassage).

Aber langsam mit der Euphorie: Da steht ein Leptosom (das ist ein veralteter Typenbegriff für eine feingliedrige, schmale, schnellbewegliche Figur) und füllt nicht nur die Bühne vorne aus bis in den letzten Kubikmeter, sondern die Auktionshalle: Mit einer eben für Leptosome typischen Hochgeschwindigkeit auch der Zunge artikulierte er sorgsam Wörter und assoziierte zu den von ihm angepriesenen Objekten, die möglichst viel, gutes Geld für eine noch bessere Sache bringen sollte, die tollsten Schüttelreime. Zu pflanzende Bäume, ein Essen mit der SPD-Lühmann-Frau oder ein ganzes Wochenende mit den Grünen im Grünen der Stadt Brüssel (CDU, wo warst du bei diesem zugegeben alternativen Projekt?), Gegenstände und Ideelles, Bildung und Homöopathie – alles kriegte sein nettes Fett ab. Da war der Hausherr und Initiator des Sozialprojekts in und um die Mühle, Gerard Minaard, ausnahmsweise gar nicht nötig, der schwer ankommende Bilderkunst im Publikum anpreisend herumtrug.

Nur eines, Herr Lehmann: Ihre Schüttelreime stammen eher aus einer modernen Zeit. Ich habe einen Schüttelreim eher klassischen Zuschnitts für Sie. Titel: „Ein Auktionator und sein Publikum“. Der Schüttler: „Das Schönste ist an diesem Lehmann, dass er die Leute macht noch mehr an.“

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

Kommentare