Jörg Müller stinksauer: Sein Haus müsste A39 weichen

Groß Hesebeck/Röbbel. „Schön, dass ich das auch mal erfahre!“ Jörg Müller ist stinksauer: Im Zuge des geplanten Baus der Autobahn 39 soll sein Haus in der Gemarkung Röbbel abgerissen werden – als einziges Haus auf der gesamten knapp 120 Kilometer langen Trasse.

Dirk Möller

„Davon höre ich heute zum ersten Mal“, wettert er am Donnerstagabend auf der öffentlichen Informationsveranstaltung, zu der die Stadt Bad Bevensen nach Groß Hesebeck eingeladen hatte, „bislang hatte es niemand nötig, mich darüber zu informieren. Ich kann es nicht fassen!“ Dem Leiter der Landesstraßenbaubehörde in Lüneburg, Dirk Möller, blieb nur, zähneknirschend Versäumnisse einzuräumen. „Ich muss mich dafür entschuldigen, dass wir nicht persönlich auf Sie zugekommen sind“, versicherte er Jörg Müller. Doch für den ist das ein schwacher Trost: In Kürze, wenn auch seine Frau im Ruhestand ist, wollte der Mühlheimer in das zurzeit als Ferienhaus genutzte Gebäude ziehen, das 1921 seine Großeltern gebaut haben. 1987 hatte Müller es von seiner Tante geerbt. Eine beträchtliche Summe hat er bereits in die Renovierung des roten Backsteinbaus investiert, um es sich dort gut gehen zu lassen. „Das ist mit dem heutigen Tage alles hinfällig“, stellte er wütend fest.

Dirk Möller und seine Stellvertreterin Annette Padberg waren mit neun weiteren Fachplanern nach Groß Hesebeck gekommen, um vor einem vollen Saal über die aktuelle Planung der A 39 zu informieren. Denn die sieht, wie berichtet, zwischen den Bevenser Ortsteilen Groß Hesebeck und Röbbel eine Verschwenkung der Trasse gen Osten vor – mit der Folge, dass die Autobahn an manchen Groß Hesebecker Höfen in einer Entfernung von rund 30 Metern vorbeiführt. Dass dieses Vorhaben bei den Bürgern auf keine Gegenliebe stößt, ließen selbige die Lüneburger Planer gleich zu Beginn spüren: Mit lauten Buh-Rufen empfingen sie Möller und seine Kollegen schon vor der turbulenten, vierstündigen Veranstaltung. Die Bürger vor Ort kritisieren, dass bei der Bewertung von Entscheidungskriterien für die jetzige Vorzugstrasse der Schutz von FFH-Gebieten und Tierarten eine größere Rolle spielt als das so genannten Schutzgut Mensch. Die Verschiebung der Trasse war maßgeblich deswegen zustande gekommen, weil das Schutzgebiet Röbbelbach geschont werden sollte. Vor allem Amphibien wie die Knoblauchkröte und der Kammmolch, aber auch schützenswerte Gebiete wie Erlen-Eschen-Auwälder ließen laut Planer eine Zerschneidung des Gebietes nicht zu. Der „artenschutzrechtliche Verbotstatbestand“ wurde damit minimiert. Die entstandenen Beeinträchtigungen für die Menschen hingegen würden juristisch nicht als unzumutbar eingestuft werden.

„Schön, dass ich das auch mal erfahre!“ Jörg Müller ist stinksauer: Im Zuge des geplanten Baus der Autobahn 39 soll sein Haus in der Gemarkung Röbbel abgerissen werden – als einziges Haus auf der gesamten knapp 120 Kilometer langen Trasse.

Die Groß Hesebecker und Röbbeler allerdings empfinden eine acht Meter hohe und 218 Meter lange Talbrücke sowie Bau- und Autobahnlärm – wenngleich auch alle erlaubten Grenzwerte eingehalten werden sollen – vor ihren Haustüren sehr wohl als Zumutung. Die Frage nach Alternativen wurde immer wieder laut. „Wenn es eine Trasse im Osten gibt, die kein FFH-Gebiet berührt und 300 Meter von Masbrock entfernt ist, verstehe ich nicht, warum diese Trasse bei Groß Hesebeck gewählt wird“, spielte ein Bürger auf eine im Vorfeld untersuchte, dann aber wieder verworfene Alternative an. Den Bürgern sei völlig klar, dass die Fachleute gerichtssicher und allen Gesetzen entsprechend planen. Sie forderten die Lüneburger Behörde aber auf, den Mut zu haben, das Schutzgut Mensch höher zu bewerten und sich einer später theoretisch möglichen, gerichtlichen Überprüfung zu stellen. „Ob die dann überhaupt kommt“, stellte ein Groß Hesebecker in den Raum, „ist ja immer noch die Frage.“

Von Ines Bräutigam

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