Auf der Suche nach dem Kern: Ein Streifzug durch die Geschäftswelt des Ortes

Suderburg, deine Läden...

Angelika Svensson zieht eine Lage ohne Discounter vor.

Suderburg. Eine Dame tritt aus ihrer Haustür, schaut flüchtig nach links und rechts. Autos fahren an diesem Morgen nur wenige.

Sie huscht über die Straße, einige Meter weiter versenkt sie einen Umschlag im gelben Briefkasten der deutschen Post, stellt den Kragen ihrer Jacke hoch und tritt den Heimweg an. Dann scheint sie wieder vollkommen – die Stille, die über Suderburg liegt.

Um 10.05 Uhr ist der Ort noch nicht erwacht, zumindest nicht an dem Ende, durch das die Hauptstraße Gäste, die aus Richtung Uelzen kommen, zuerst führt. Wohnhäuser säumen die Straße, ein Gasthaus – aber Einkaufen? Wo ist der Ortskern?

In Suderburgs Ortsmitte sucht man das Unverwechselbare lange: Große Ladenketten mit vollen Parkplätzen dominieren das Ortsbild, daneben leer stehende Ladenflächen. Für den Besuch kleinerer Traditionsgeschäfte muss man weitere Strecken zurücklegen und mit offenen Augen durch die Straßen gehen.

Im Augenwinkel saust eine Fleischerei vorbei, die sich das Gebäude mit einer Fahrschule teilt – ein Angebot, das den Ortsfremden an dieser Stelle überrascht. Nach weiteren Wohnhäusern folgt eine erneute Überraschung: Ein Schreibwarengeschäft hält zwischen Wohnhäusern die Fahnen des Einzelhandels hoch: „Ich habe meine Stammkunden. Die kommen gerne her“, erklärt Christel Köllmann. Seit sechs Jahren verkauft sie in Suderburg Schreibwaren und Bastelartikel. Obgleich Studenten genau ihre Zielgruppe sind, durchstöbern die jungen Leute nur selten Christel Köllmanns Regale. „Die, die kommen, sind aber zufrieden“, sagt sie und begrüßt einen Kunden – natürlich mit Namen. Der ältere Herr möchte „einen dieser Stifte, die er immer hat“, sie wüsste doch, welche er meint. Wenige Handgriffe und die schmale Frau mit dem schulterlangen Haar hat den Fineliner aus dem Regal hinter der Theke gefischt. Persönliche Beratung, Fachgeschäft eben!

Auf dem Weg in den Ortskern heißt es, Straße wechseln – von der Haupt- in die Bahnhofstraße. Belebter wird es auch hier auf Bordstein und Asphalt nicht. „Laufkundschaft haben wir kaum“, erklärt Angelika Svensson. Sie betreibt seit fast drei Jahren das Geschäft „Geschmackvoll“. Dekorations-Artikel machen ihr Sortiment aus. In der Nachbarschaft – neben einem Nagelstudio kein anderer Laden, der Kunden locken könnte. Wohnhäuser machen das Umfeld aus. „Hier kann man sehr gut wohnen. Wir haben in Suderburg alles, was wir brauchen“, betont Svensson.

Ein Grund für die optische Zerrissenheit der Suderburger Geschäftswelt: Die Mieten in der Ortsmitte seien zu hoch, so die 49-Jährige. Zudem sei die Struktur der Gemeinde Suderburg historisch gewachsen. Die drei Teile gäbe es schon ewig...

Der dritte Bereich, den die Händlerin in ihre Aufzählung einschließt, beginnt weitere lange zwei Kilometer die Bahnhofstraße entlang. Mit dem Auto eine schnell gemachte Sache – zu Fuß hingegen ein umständliches Unterfangen. Immerhin hat man den Fußweg für sich – hier geht niemand. Jeder Schritt hallt, ab und zu düst ein Auto vorbei. In der Ferne verheißen rote und gelbe Reklamen: Der Weg ist nicht mehr weit. Denn wer das Suderburger Rathaus erreicht hat, wähnt sich im Paradies der Produktpaletten. Discounter und Lebensmittelmärkte reichen sich mit einer Billig-Textilkette die Hand. Die Territorien sind aufgeteilt, maximal einige Parkbuchten oder die Breite einer Straße trennt die Filialen der Großketten voneinander. Und: Die Parkplätze sind voll. Hier ist Leben. Mütter durchstreifen mit ihren Kindern die Regale, Hintergrundmusik- oder -ansagen begleiten die Kunden auf ihrem Bummel oder erklären ihnen, was noch alles im Einkaufswagen landen könnte. Den Part von Christel Köllmann und Angelika Svensson übernehmen hier zu einem Großteil Licht- und Positionierungskonzepte, sie bringen die Waren an Mann und Frau. Zumindest an die Männer und Frauen, die den Weg in Suderburgs Ortskern, der hier zu sein scheint, finden.

Frieda Germann fährt mit dem Bus zum Einkaufen. Mit dem Angebot der geballten Lebensmittel-Industrie ist die 86-jährige Böddenstedterin zufrieden – für sie entscheidend: kurze Wege. Und die Bushaltestelle ist in unmittelbarer Nähe der Ketten. „Man bekommt hier alles, was man braucht. Früher konnte man unten noch Blumen kaufen, aber das ist nun ja nicht mehr“, sagt sie, und etwas Wehmut schwingt mit. „Unten“, das ist der Teil der Bahnhofstraße, an dem „Geschmackvoll“ noch sein Sortiment zum Stöbern offeriert, und die Hauptstraße, in der Christels Schreibwaren passgenau ausgegeben werden.

Und, wer genau hinschaut: Auch im Ortskern gibt es Sorgenkinder. Wenige Schaufenster neben der Textilkette von Discounterformat werden neue Mieter gesucht und auch am Rande der Schaufensterreihe, dort, wo donnerstags die Marktstände aufgebaut werden, prangt ein „zu vermieten“ hinter der Scheibe. Das gleiche Bild, wenn man Rathaus und Supermärkte hinter sich gelassen hat: Neben der Fahrradzentrale, die im Winter nur eingeschränkt geöffnet ist, zwei leer stehende Verkaufsflächen. In den Schaufenstern sehen Kunden nur das eigene Spiegelbild. Studenten, die sich mit ihren bunten Mützen und Kapuzen von den Einheimischen abheben, schenken diesen Scheiben kaum Beachtung, sie trotten vorbei, füllen ihre Rucksäcke in den Märkten mit dem großen Angebot.

Die Samtgemeinde regiert auf die Handelsstruktur nun mit einer großen Offensive: Zusammen mit Professor Dr. Arndt Jenne von der Ostfalia Hochschule wurde die Geschäftsstruktur analysiert. Zudem sollen leer stehende Ladenflächen und Wohnraum, der eventuell an Studenten vermietet werden kann, verzeichnet werden. Die Samtgemeinde betont jedoch: Sie will nur vermitteln nicht geschäftlich eingreifen.

Von Wiebke Brütt

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