Suderburgs Rathauschef Friedhelm Schulz stellt gestern Diebin am Bahnhof

„Sie hat ihre Krallen ausgefahren“

Suderburg. Vom Rathauschef zum Diebesschreck: Szenen wie aus Hollywood haben sich am Mittwoch in Suderburg abgespielt. Denn nicht etwa die Polizei, sondern Samtgemeindebürgermeister Friedhelm Schulz machte sich auf Verbrecherjagd durch den Ort.

„Das war echt filmreif. Ich ging durch den Korridor im Rathaus, und da fiel mit diese Frau auf – ich kannte die Dame nicht, und irgendwie war ihr Blick auffällig“, erinnert sich Schulz. Und schon wenige Minuten später wird ihm klar: Sein Gefühl hat ihn nicht getäuscht. Gegen 10.30 Uhr meldet der erste Mitarbeiter, dass ein dienstlicher Stempel samt Stempelkissen sowie ein Aktenordner verschwunden sind. Dann vermisst eine Kollegin Handy und Geldbörse. „Da war mir klar: Das muss die Frau gewesen sein“, sagt Schulz. In einem unbeobachteten Moment muss sich die Diebin, die laut Polizei Amerikanerin ist und in Lübeck lebt, mit dem Büroinventar und den persönlichen Gegenständen der Verwaltungsmitarbeiter aus dem Staub gemacht haben.

Der Rathauschef ruft die Polizei, um den Diebstahl zu melden. Doch die Beamten vertrösten ihn um einige Minuten, da sie gerade in einer Vernehmung stecken. Kurzerhand entschließt sich die Verwaltungsspitze, selber die Verfolgung aufzunehmen. „Irgendjemand musste es ja machen, sonst wäre sie weggewesen. Also bin ich raus und habe mich mit meinem Auto auf Streiffahrt durch mein Dorf gemacht“, berichtet der 57-Jährige.

Am Bahnhof ertappt er die 45-jährige Einschleichdiebin. „Sie hatte gerade ein Ticket gelöst und wollte sich Richtung Uelzen aus dem Staub machen.“ Schulz zögert nicht lange, drängt die Frau gegen eine Wand, damit sie nicht fliehen kann. „Mit einer Hand habe ich sie festgehalten, mit der anderen habe ich per Handy die Polizei gerufen“, schildert Friedhelm Schulz, der von 1975 bis 1986 bei der Bundespolizei tätig war – dort hat er Erfahrungen gesammelt, die er am Mittwoch gut gebrauchen konnte, denn wehrlos ergab sich die Diebin nicht ihrem Schicksal. „Die schrie wie am Spieß und sie hat ihre Krallen ausgefahren“, erklärt Suderburgs Samtgemeindebürgermeister den Verband an seinem Arm. „Manch einer hätte vielleicht Hemmungen gehabt, sie einfach so festzuhalten. Aber ich wusste von früher, dass man das in diesem Fall darf.“

Passanten am Bahnhof halfen ihm, die Frau, die nach Polizeiangaben „erheblichen Widerstand“ leistete, bis zum Eintreffen der alarmierten Polizei unter Kontrolle zu halten. In den Sachen der 45-Jährigen fanden die Polizisten das Diebesgut aus den Räumen des Rathauses. Die Diebin, die nun ein Strafverfahren wegen räuberischen Diebstahls und Körperverletzung erwartet, wurde von der Polizei vernommen und am späten Mittag wieder entlassen. Schulz hingegen führte sein erster Gang nach der Verfolgungsjagd zum Arzt – seine Kratzwunden mussten versorgt werden. „Meine Frau wird ganz schön staunen, wenn ich mit dem verbundenen Arm nach Hause komme“, sagt Schulz, ohne sich ein Lachen über das Abenteuer verkneifen zu können. „Als ich denen, die ich traf, erzählt habe, dass ich einen Dienstunfall hatte, haben die immer gefragt, ob ich eingeschlafen und im Büro vom Stuhl gefallen bin. Wenn die wüssten...“

Von Wiebke Brütt

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