Studenten helfen bei Ausstellungsvorbereitung zum Ersten Weltkrieg im Museumsdorf

Sehnsucht nach Zuhause

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Recherche: Alexander Krüger und Michaela Schulz blättern in einem alten Fotoalbum.

Hösseringen. „Liebes Lienchen, was soll Dir der Weihnachtsmann bringen? Mutter soll Bienenfutter kaufen. Ich freue mich schon aufs Nachhausefahren. “ Es ist das Jahr 1915 und Hermann Müller aus Holdenstedt freut sich auf Weihnachten.

Ob er das Fest dann auch wirklich mit seiner Familie feiern durfte, ist jedoch nicht bekannt. Denn die Postkarte mit seinen lieben Grüßen an Tochter Lienchen wurde im ersten Weltkrieg geschrieben. Aus den Vogesen, wo Hermann Müller stationiert war.

Jede Menge Briefe, Feldpostkarten, Alben und Chroniken aus der Zeit des ersten Weltkrieges werden derzeit im Museumsdorf Hösseringen von einer Gruppe junger Studenten gesichtet. Sie studieren an der Leibnitz Universität Hannover und sind im Rahmen ihres Historischen Seminars mit Professor Dr. Karl H. Schneider auf Praxis-Expedition.

Mit Lupe und Computer: Die Ergebnisse werden digital erfasst. Briefe und Feldpost werden von den Studenten aus Hannover akribisch durchgearbeitet.

Im Museumsdorf helfen sie bei der Vorbereitung einer Ausstellung über den ersten Weltkrieg, die im kommenden Frühjahr gezeigt werden soll. „Die Zusammenarbeit mit dem Museum ist angenehm und die Quellenlage im Archiv ist sehr gut“, so Schneider, der mit seinen Studenten regelmäßig Basisarbeit vor Ort leistet, beispielsweise auch im Freilichtmuseum Cloppenburg. Aber Hösseringen lag natürlich näher. Für das Museum bringt die Zusammenarbeit mit Universitäten neben der Arbeitserleichterung auch den Effekt, dass Inhalte wieder neu und mit Blickwinkel von außen betrachtet werden. „Allein könnten wir das gar nicht leisten“, fasst es Hösseringens Museumsleiter Dr. Ulrich Brohm zusammen.

Und so arbeiten sich die jungen Leute durch Konvolute, die sie den Menschen von damals näher kommen lassen. „In der Feldpost wird oft eine geschönte Welt gezeigt“, erzählt Michaela Schulz, die gemeinsam mit Alexander Krüger die Post Hermann Müllers und seiner Tochter Lienchen bearbeitet. „Wichtig war es, überhaupt zu schreiben und Post zu erhalten“, so Krüger. „Über den Krieg und Kriegsverlauf ist wenig in den Briefen zu finden. Die Soldaten wollten ihre Ängste nicht nach Hause tragen, sondern ein Stück ‚heile Welt’ schaffen. Auch als Schutz für ihre Familien.“

Einen besonderen Fund haben Holger Burchert und Lukas Reinhold gemacht: Sie fanden unter einer Briefmarke eine versteckte Nachricht: „Hier kann es uns nicht halten. Wann kommen wir nur weg.“ Die Postkarte wurde an der Westfront von einem Georg geschrieben, sie ist an Ella Lindloff in Holxen gerichtet.

Für die Studenten ist es eine große Herausforderung, die Karten und Briefe überhaupt zu entziffern, viele beschäftigen sich zum ersten Mal mit originalen Handschriften. „Auf diese Weise erhalten sie einen Einblick in das Berufsfeld Museum“, so Schneider, der sich freut, dass das Projekt so gut angenommen wurde. „Wir freuen uns schon auf die Einladung zur Ausstellungseröffnung.“

Von Christine Kohnke-Löbert

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