20 Stunden für 450 Asylsuchende: Flüchtlingssozialarbeiterin fordert mehr Unterstützung

Von Zufriedenheit weit entfernt

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Was tun, wenn kein Bus zum Kindergarten fährt? Flüchtlingssozialarbeiterin Swantje Dost-Kraft bringt zur Zeit zwei Kinder aus einer Flüchtlingsfamilie selbst zu der Einrichtung und holt sie ab – weil es keine andere Möglichkeit gibt.

Uelzen/Landkreis. „Die Flüchtlingsarbeit hat noch kein eigenes Konzept“, sagt Swantje Dost-Kraft.

Und so bleibt der Sozialarbeiterin des Jugendmigrationsdiensts des Christlichen Jugenddorfes (CJD) Göddenstedt keine Wahl: Sie muss selbst planen, wie sie ihre 20 Wochenarbeitsstunden für die Betreuung der rund 450 Asylbewerber in Stadt und Kreis Uelzen einsetzt. Dass sie mangels Zeit und Unterstützung nur „einen Bruchteil“ der Menschen erreiche, machte sie im vergangenen Kreis-Sozialausschuss deutlich (AZ berichtete).

Denn die Liste ihrer Aufgaben ist lang: Swantje Dost-Kraft berät die Neuankömmlinge in sozialen und erzieherischen Angelegenheiten, begleitet sie bei Arztbesuchen, vermittelt gesellschaftliche Regeln, kooperiert mit anderen Institutionen vor Ort. Nach Ankunft der Familien blieben ihr gerade einmal fünf Tage Zeit, um die Jüngsten im Kindergarten anzumelden oder den Bildungsstand der älteren Kinder festzustellen und sie an die richtigen Schulen zu vermitteln, berichtet sie. Welche Rolle diese in Deutschland spielten, sei vielen Eltern nicht bewusst. Die Flüchtlingssozialarbeiterin klärt auf – doch ohne Dolmetscher, sagt sie, wäre das nicht möglich.

Ganz allein ist Swantje Dost-Kraft nicht: Häufig werde der Kontakt zu den Asylsuchenden über Ehrenamtliche hergestellt, die den Familien nach ihrer Ankunft im Alltag zur Seite stehen. Allerdings: „Oft ist es so, dass Ehrenamtliche in Situationen kommen, die sie nicht mehr bewältigen können.“ Das bestätigt Gabriel Siller, Geschäftsführer des Diakonieverbandes Nordostniedersachsen: „Die Leute brauchen auch jede Menge Unterstützung“, etwa im Umgang mit schweren Traumata. Eine fachliche Begleitung der freiwilligen Helfer sei darum unverzichtbar. Für die Flüchtlingssozialarbeiterin steht fest: „Wir brauchen einfach Fachkräfte.“

Immer wieder stehe sie als solche vor neuen Hürden, sagt sie – wenn zum Beispiel Kinder einen Arzttermin bräuchten, aber die Impfpässe zuvor erst einmal von einem Dolmetscher übersetzt werden müssten. Wenn Familien in kleineren Ortschaften lebten, in denen kein Bus fährt. Swantje Dost-Kraft selbst bringt morgens zwei Sprösslinge in den Kindergarten und holt sie von dort mittags wieder ab. Sie sucht nun einen Fahrradwagen für die Familie – Spenden sammeln, auch das stehe für sie auf der Tagesordnung. Zudem mangele es an Sprachfördermaßnahmen. Denn der Wille, Deutsch zu lernen, sei bei den meisten sehr groß, der Sprachkurs des Jugendmigrationsdiensts darum immer voll besetzt.

Zwischen all diesen Baustellen wünscht sich die Sozialarbeiterin Orientierung – und Unterstützung, die vor dem Hintergrund der schwierigen Haushaltssituation des Landkreises bislang nicht zugesichert werden konnte, laut Swantje Dost-Kraft aber dringend nötig ist: „Es ist nicht so, dass ich immer zufrieden nach Hause gehe“, sagt sie. „Das kann ich nicht.“

Von Anna Petersen

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